Salaf und Salafismus – Eine andere Perspektive
Wer sind die al-Salaf und was bedeutet es, ihnen zu folgen?
Das Wort Salaf wird in unserer Zeit sehr häufig verwendet, ohne dass die meisten einen größeren Einblick darin haben, wofür es steht. Zudem haben im Laufe der Geschichte, besonders aber in unserer Zeit, viele Muslime den Begriff missbraucht, indem sie entweder sich selbst oder ihre Ansichten den Gelehrten der al-Salaf al-Salih zuschreiben, um Legitimität zu erlangen. Noch zahlreicher sind diejenigen, die unwissentlich auf die verlockende Rhetorik hereinfallen, den Salaf zu folgen, und als Folge in ein sehr sektiererisches, oberflächliches und schädliches Umfeld hineingezogen werden. Da der Begriff Salaf im Alltag der Muslime zu einem so wichtigen Begriff geworden ist, ist es wichtig, ihn gut zu verstehen, ebenso wie eventuelle Problematiken rund um den Begriff und seine heutige Verwendung.
Es ist wichtig hervorzuheben, dass der Zweck des Artikels nicht darin besteht, den Begriff oder seine Bedeutung abzulehnen, sondern den Muslimen ein tieferes, differenzierteres und ausgewogeneres Bild dieses Begriffs und seiner Bedeutung zu vermitteln. Dies ist besonders wichtig, damit der Begriff nicht missbraucht und in einem sektiererischen Diskurs verwendet wird, sondern dass man stattdessen mit größerer Demut und Toleranz mit dem Begriff und seiner Verwendung umgeht.
Was bedeutet der Begriff Salaf?
Das Wort Salaf ist ein arabisches Wort, das sprachlich schlicht Vorgänger bedeutet.[1] Innerhalb der muslimischen Tradition wird der Begriff jedoch zusammen mit dem Begriff Salih [rechtschaffen], also al-Salaf al-Salih, verwendet, um die rechtschaffenen Muslime der ersten drei Generationen zu bezeichnen. Dieser Begriff basiert auf einer Reihe von Ahadith, wobei der bekannteste und wichtigste jener ist, in dem der Prophet ﷺ sagt: „Die besten Menschen gehören zu meiner Generation, und dann jene, die ihnen folgen, und dann jene, die ihnen folgen; danach breitet sich die Lüge aus.“[2]
Wer wird zu den Salaf gezählt?
Es gibt keine einstimmige Definition darüber, wer zu den al-Salaf al-Salih gezählt wird. Einige Gelehrte beschränken sie auf die Gefährten, und andere schließen deren Nachfolger [al-Tabi’in] ein. Die meisten beschränken sie auf die ersten drei Generationen in Übereinstimmung mit dem oben genannten Hadith. Jedoch gibt es eine gewisse Diskussion rund um den Begriff Generation [Qarn] und seine Bedeutung. Die Ansichten sind vielfältig und einige Gelehrte schätzten eine Generation in Zeitintervallen, wobei eine Generation alles von 20 bis 120 Jahren sein kann.[3] Andere Gelehrte sagten, dass die drei Generationen die Gefährten [Sahaba], ihre Nachfolger [Tabi’in] und deren Nachfolger [Atba‘ al-Tabi’in] sind, wobei der Letzte von ihnen ca. 220 n.H. starb, und diese Ansicht wird von Imam al-Nawawi und anderen bekannten Hadith-Gelehrten als die korrekteste angesehen.[4] Das Relevante ist zu verstehen, dass es letztendlich eine Interpretationsfrage basierend auf spekulativen Beweisen [Adillah Dhanniyyah] ist.
Was bedeutet es, dass sie die besten Generationen sind?
Auch dies wird unter den Gelehrten diskutiert. Ist jeder Einzelne aus der ersten Generation besser als jeder Einzelne aus der zweiten Generation usw., oder kann jemand aus der zweiten Generation besser sein als jemand aus der ersten? Abgesehen von den frühen Gefährten [al-Muhajirun wa al-Ansar], bei denen es keine Meinungsverschiedenheiten bezüglich ihrer bevorzugten Stellung bei Allah gibt, gibt es in der Frage Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten.[5] Die Mehrheitsmeinung bei Ahl al-Sunnah wa al-Jama’ah ist, dass diese Stellung für die Gefährten im Allgemeinen galt und jeder von ihnen eine höhere Stellung bei Allah hat als jeder von denen, die ihnen folgten.[6] Die andere Ansicht, die innerhalb der Ahl al-Sunnah wa al-Jama’ah existiert und unter anderem vom Imam Ibn ‚Abd al-Barr al-Maliki vertreten wird, geht davon aus, dass diese bevorzugte Stellung eine allgemeine Stellung für die Generation an sich war und spezifische Individuen aus späteren Generationen eine höhere Stellung erreichen konnten als spezifische Individuen der vorherigen Generation.[7] Auch hier ist es wichtig zu erkennen, dass es sich um eine Interpretationsfrage basierend auf spekulativen Beweisen [Adillah Dhanniyyah] handelt.
Inwiefern sind sie Salaf besser?
Die Gelehrten haben diesen Vorrang im Rang diskutiert und es ist klar, dass es nicht notwendigerweise darum geht, dass man mehr und frömmere Taten hat, weil man zur Zeit des Propheten ﷺ lebte, sondern man ist der Ansicht, dass sie Vorrang haben, da sie eine wesentliche Rolle bei der Etablierung, Bewahrung und Vermittlung der Botschaft auf beste Weise und in einer kritischen Zeit gespielt haben.
Eine andere Art von Vorrang, der im Hadith über die drei wichtigsten Generationen direkt angedeutet wird, ist, dass Lüge und Falschheit selten waren.
Eine dritte Art von Vorrang ist, dass es als eine Periode angesehen wird, in der die Muslime im Allgemeinen mehr und tieferes Wissen und Verständnis über die Religion hatten als nachfolgende Generationen. Der Grund dafür ist, dass sie der prophetischen Zeit näher waren und weil sie die arabische Sprache besser beherrschten.
Das Verständnis der Salaf. Hatten sie wirklich EIN Verständnis?
Ein sehr weit verbreitetes Missverständnis ist, dass die Salaf nur ein einziges Verständnis vom Koran und der Sunnah hatten. Im Gegenteil ist aus den Hadith-Sammlungen, Tafsir-Werken und anderer früher Literatur ersichtlich, dass die Gelehrten der Salaf den Koran und die Aussagen des Propheten ﷺ unterschiedlich verstanden und somit unterschiedliche Ansichten sowohl in kleineren Glaubensfragen als auch in rechtlichen und politischen Fragen hatten. Für jeden, der diese Bücher studiert, ist es offensichtlich, dass die Meinungsverschiedenheiten zahlreich waren und das stets beschworene „salafistische“ einstimmige Verständnis vom Koran und der Sunnah selten ist. Man kann im Prinzip jedes der größeren Werke aufschlagen, um dies selbst zu bestätigen.
In der Generation der Gefährten herrschten Meinungsverschiedenheiten hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) in rechtlichen Fragen, da Glaubensfragen selten diskutiert wurden und es daher sehr wenig an „Verständnis“ gibt, das von den Gefährten bezüglich Glaubensfragen überliefert ist.[8] Das Relevante ist jedoch, dass es offensichtlich ist, dass man nicht nur eine Methode [Manhaj] hatte, um den Koran und die Ahadith zu verstehen und zu interpretieren.
Alle Gruppen berufen sich auf die Salaf
Die Realität ist, dass die Fälschung von Ahadith und das Entstehen von Sekten bereits während der Lebzeiten der Gefährten begannen und mit jeder Generation zunahmen. Diese verschiedenen Sekten hatten Anhänger, die Hadith-Gelehrte, Rechtsgelehrte, Koran-Gelehrte usw. waren.[9] Ebenso florierte eine Vielfalt von Ansichten und Interpretationen, von denen einige heute als abweichend oder problematisch angesehen werden. Alle diese Sekten erhoben den Anspruch, den „Ursprungs-Islam“ zu repräsentieren.
Es ist daher falsch und irreführend, von den Muslimen, die in den ersten drei Generationen lebten, als einer einheitlichen Schule, einem einheitlichen Verständnis oder einer einheitlichen Manhaj in anderen als einigen wenigen Fragen, in denen Konsens herrschte, zu sprechen.
Ist das Verständnis Einzelner oder Weniger unter den al-Salaf ein Beweis?
Trotz des tiefen Wissens, das unter den Salaf vorhanden war, gibt es im Koran und in der Sunnah keine Beweise, die Unfehlbarkeit im Verständnis oder in der Ansicht jemand anderem als den Propheten [Friede sei mit ihnen] zuschreiben. Einzelnen aus den Salaf darf kein prophetischer Status verliehen werden, bei dem ihre Ansichten zu notwendiger Wahrheit und Gesetz werden. Keiner von ihnen erhob jemals den Anspruch, dass seine Ansicht oder sein Verständnis von Allah geschützt sei und dass es für alle anderen zwingend sei, ihnen zu gehorchen; im Gegenteil argumentierten sie für ihre Ansichten und zogen diese zurück, wenn sie sich als falsch erwiesen.[10] Der Gefährte ‚Abdullah ibn ‚Abbas sagte: „Jedermanns Ansichten können akzeptiert und abgelehnt werden, außer die des Propheten ﷺ.“[11]
Auch Ibn Taymiyyah weist darauf hin, wenn er sagt: „Und es ist auch so, dass viele der al-Salaf in vielen dieser [Glaubens-]Fragen falsch lagen, während sie sich einig waren, deswegen keinen Takfir zu machen. Zum Beispiel leugneten einige Gefährten, dass der Tote den Ruf des Lebenden hören könne, und einige von ihnen leugneten, dass die Himmelfahrt im wachen Zustand stattfand, und einige von ihnen leugneten, dass Muhammad ﷺ seinen Herrn sah, und einige von ihnen haben bezüglich des Khalifats und wem von den Gefährten der Vorrang gegeben wird [abweichende] Ansichten, die bekannt sind…“[12]
Wenn es so ist, dass Gelehrte unter den frühesten Generationen falsche Verständnisse und Interpretationen haben konnten, wie verhält es sich dann mit Gelehrten, die viel später kamen, wie Ibn Taymiyyah und anderen, die in unserer Zeit in bestimmten Bewegungen einen geradezu heiligen Status erhalten haben?[13]
Wann ist das Verständnis der Salaf ein definitiver Beweis?
Das Verständnis der Salaf in einer Frage ist ein definitiver Beweis, wenn es von ihrer Übereinstimmung [Ijma‘] gestützt wird, d.h. wenn alle Gelehrten der Salaf in einer bestimmten Ansicht übereinstimmen. Bezüglich Ijma‘ gibt es jedoch zwei wichtige Dinge zu beachten.
Das Erste ist, dass viele muslimische Laien einen großen Fehler begehen, da sie nicht zwischen der Überlieferung von Ijma‘ in einer bestimmten Frage und dessen tatsächlicher Existenz unterscheiden.[14] Es gibt viele, die überliefern, dass in einer bestimmten Frage Übereinstimmung herrscht, ohne wirkliche Belege dafür. Dies ist ein relativ frühes und weit verbreitetes Phänomen, das den Rechtsgelehrten wohlbekannt ist und in den meisten größeren Werken der Jurisprudenz [Usul al-Fiqh] dargelegt wird. Was jedoch einen Beweis darstellt, ist dessen tatsächliche Existenz, und damit es einen definitiven Beweis darstellt, muss dessen Existenz zweifelsfrei festgestellt werden, und das an sich ist relativ selten. Es reicht also nicht aus, dass ein oder zwei Gelehrte diese Ijma‘ überliefern.[15]
Das Zweite ist, dass Ijma‘ als Beweis nicht auf die ersten drei Generationen beschränkt ist. Die Beweise aus dem Koran und der Sunnah, die Ijma‘ Legitimität verleihen, machen keinen Unterschied in der Zeitepoche; jedoch halten einige es für wahrscheinlicher, dass Ijma‘ in den ersten Generationen erreicht wurde, und eine Minderheit, darunter Imam Ahmad ibn Hanbal, war der Ansicht, dass dies nur während der Zeit der Gefährten praktisch möglich war.
Wer überliefert die Ansichten der Salaf?
Dies ist eine wichtige Frage, da es diejenigen gibt, die alles, was sie für richtig halten, den Salaf zuschreiben, ohne eine wirkliche Referenz zu haben. Dies ist besonders deutlich bei einigen Gelehrten mit abweichenden Ansichten, da sie den Salaf im Prinzip alles Mögliche zuschreiben können, wie weit hergeholt es auch sein mag. Man schreibt den Salaf die kompliziertesten theologischen Details zu, obwohl das Markanteste an den Salaf ist, dass sie sich selten darauf einließen.
Ein Beispiel genau dafür ist Ibn Taymiyyah, der den Salaf beispielsweise die Ansicht zuschreibt, dass das Sprechen Allahs [Kalamullah] in seiner einzelnen Form erschaffen [Hadith al-Ahad] und in seiner Art ewig [Qadim al-Naw‘] sei. Dies ist zweifellos eine Ansicht, die auf philosophischer Argumentation basiert und Kalam[16]-Terminologie verwendet, etwas, worüber sich die Salaf nicht einmal äußerten und noch weniger einen Konsens in dieser Frage hatten. Ibn Taymiyyah verließ diese Ansicht später, aber es gibt heute noch solche, die den gleichen Fehler machen und diese Ansicht den Salaf zuschreiben.
Dies sollte uns zu kritischem Denken ermutigen und dazu, selbst zu versuchen, Themen zu studieren und zu untersuchen, und uns nicht ausschließlich auf Sekundärquellen zu verlassen.
Das Verständnis vom Verständnis der Salaf
Da das, was von den Salaf überliefert wird, selten ein tiefgehendes Verständnis oder eine vertiefte theologische Diskussion oder auch nur ausgearbeitete Argumentationen sind, werden ihre Aussagen generell und oft mehrdeutig sein. Dies hat zu einer Diskussion und Meinungsverschiedenheit darüber geführt, was ihr Verständnis tatsächlich war und was sie mit dem meinten, was sie sagten. Ein Beispiel dafür sind ihre Aussagen zu den Eigenschaften Allahs, was die Diskussion darüber nährt, welches ihre Methode war: Tafwidh al-Ma’na oder Tafwidh al-Kayf?
Das Problem heute ist jedoch, dass die meisten, die sich selbst den Salaf zuschreiben, alles andere tun, als tatsächlich die Bücher der Salaf zu lesen und die Fragen selbst zu untersuchen. Man folgt blind zeitgenössischen „Imamen“, ohne jemals selbst die Fragen tiefer zu untersuchen. Man überlässt mit anderen Worten seinen Glauben zeitgenössischen „Imamen“, deren Wissen zweifelhaft ist und deren Methoden oft weit von ehrlich entfernt sind. Man folgt damit nicht dem Verständnis der Salaf, sondern dem Verständnis zeitgenössischer Imame von den Äußerungen der Salaf, das in vielen Fällen aus unbestätigten Berichten und nicht-authentischen Werken stammt.
Die Manhaj der Salaf gemäß dem traditionellen sunnitischen Islam
Es ist jedoch nicht ungewöhnlich, dass klassische sunnitische Imame auf die Gelehrten der Salaf verweisen, aber dies geschieht hauptsächlich, indem man sich auf etwas bezieht, worüber Konsens herrscht. In wenigen Fällen wird die Vorgehensweise der Salaf von jener der Nachfolger [Khalaf] unterschieden. Die Mehrheit der klassischen Gelehrten sieht ihre Vorgehensweise jedoch nicht als die einzige an, sondern entweder als die am besten geeignete im Allgemeinen oder als die am besten geeignete für ihre jeweilige Zeit.
Es gibt daher einen großen Unterschied zwischen dieser Art von Verweis auf die Salaf und der heutigen sektiererischen Verwendung ihrer Ansichten.
Manhaj al-Salaf und Salafismus
Der Begriff Manhaj al-Salaf ist ein Begriff, der selbstverständlich unter den Salaf selbst nicht vorkam, geschweige denn auf die sektiererische Weise, wie er heute verwendet wird. Der Begriff ist leider zu einer Neuerung [Bid’a] geworden, die zu einer weiteren Spaltung der Muslime geführt hat. Ohne Zweifel sieht man eine neue Sekte definiert, eine Sekte, die wie andere Sekten den Anspruch erhebt, die gesamte Wahrheit zu besitzen und dass nur sie die wahre Glaubenslehre und das wahre Verständnis des Islam repräsentiert. Dieser Anspruch ist kennzeichnend für Sekten, wird jedoch sowohl durch textliche Beweise als auch durch die muslimische Geschichte stark zurückgewiesen.
Die sunnitischen Imame der früheren Generationen haben keine Notwendigkeit gesehen, sich einer anderen Ausrichtung zuzuschreiben als eben Ahl al-Sunnah wa al-Jama’ah, trotz ihres Bewusstseins dafür, wie inklusiv der Begriff für Meinungsverschiedenheiten und Rechtsschulen ist. Was sie jedoch hatten, waren verschiedene Schulen innerhalb der Glaubenslehre, der Rechtslehre oder anderem, die alle unter Ahl al-Sunnah fallen.
Was ist der Unterschied zwischen einer Sekte und einer Rechtsschule?
Das vielleicht deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen einer Sekte (Firqah) und einer Rechtsschule (Madhhab) liegt im Wahrheitsanspruch und in der Sicht auf andere. Eine Sekte betrachtet sich meist als die einzigartigen Besitzer der gesamten absoluten Wahrheit. Sie sind exkludierend und sprechen anderen keine Legitimität zu. Eine Rechtsschule hingegen betrachtet sich als eine von mehreren legitimen Schulen und sieht sich nicht als einzigartige Besitzer oder Repräsentanten der gesamten Wahrheit.
Dass die Schulen bestimmten Individuen (meist dem Gründer) zugeschrieben werden, ist vielleicht das größte Zeichen dafür, dass sie sich selbst als eine Schule sehen und nicht als eine Sekte, die den gesamten Islam repräsentiert, im Gegensatz zum Salafismus. Dies liegt daran, dass keiner von ihnen auf die Idee kommen würde, die gesamte Wahrheit, Ahl al-Sunnah oder den Islam auf den Gründer oder die Gelehrten der Schule zu beschränken. Man bejaht die Legitimität anderer Schulen und Interpretationen.
Ein deutliches und historisches Beispiel dafür ist die Einleitung von Imam al-Tahawi zu seinem Text über die Glaubenslehre: „Dies ist eine Darlegung der Glaubensüberzeugung der Ahl al-Sunnah wa al-Jama’ah, gemäß der Schule (Madhhab) der Rechtsgelehrten der Religion; Abu Hanifa…“. Durch diese Einleitung verdeutlicht er seine Methode und die Schule, während er gleichzeitig indirekt die Legitimität anderer Schulen in der Glaubenslehre innerhalb der Ahl al-Sunnah anerkennt.[17]
Ist der Salafismus eine moderne Sekte oder eine klassische Schule?
Die Antwort ist in den eigenen Ansprüchen der Anhänger und durch das Studium der Geschichte zu finden. Wenn man einen Salafisten fragt, was Salafismus ist, erhält man ungefähr diese Antworten: „Salafismus bedeutet, dass man sich dem ursprünglichen Islam zuschreibt und nicht einem bestimmten Individuum.“ oder „Salafismus ist nur ein Synonym dafür, dem reinen Islam in seiner ursprünglichen Form zu folgen“.
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Salafismus nicht den Anspruch erhebt, lediglich eine Schule unter der Ahl al-Sunnahzu bilden, beispielsweise in der Glaubenslehre wie die Ash’ari-Schule oder in der Rechtslehre wie die Hanafi-Schule. Dies würde dem salafistischen Sektierertum widersprechen und die Legitimität von mehr als einer Schule bejahen. Es gibt vielmehr einen oft ausgesprochenen Willen, sich vom traditionellen sunnitischen Islam, der in seinen bekannten Schulen bewahrt ist, abzugrenzen, indem man sich Salafisten nennt.
Der Salafismus beansprucht mit anderen Worten, die EINZIGEN zu sein, die wirklich vollständig Sunniten sind und die in Wahrheit die al-Salaf al-Salih repräsentieren. Diese Sektenmentalität beweist, wenn überhaupt etwas, dass sie die Herangehensweise (Manhaj) der Ahl al-Sunnah wa al-Jama’ah keineswegs repräsentieren.
Ist der Salafismus eine oder mehrere Sekten?
Das Interessante ist jedoch, dass die Salafisten [Salafiyyah] nie als eine dieser sunnitischen Schulen angesehen wurden, noch werden sie als eine Gruppe in der muslimischen Geschichte erwähnt. Der Salafismus als Bewegung oder Sekte ist zweifellos ein modernes Phänomen, das in Najd im heutigen Saudi-Arabien von Muhammad Ibn ‚Abd al-Wahhab [gest. 1792] initiiert wurde und weshalb sie von Meinungsgegnern oft als Wahhabiten bezeichnet werden. Die Bewegung ist ideologisch stark von Ibn Taymiyyahs Ansichten und Interpretationen beeinflusst[18].
Wie es bei den meisten Sekten tendenziell geschieht, hat sich der Salafismus heute in weitere Untersekten zersplittert, in denen alle den Anspruch erheben, das wahre Verständnis und den „Ursprungs-Islam“ zu repräsentieren. Worüber sie in der Praxis Meinungsverschiedenheiten haben und was sie zu repräsentieren beanspruchen, ist Ibn Taymiyyahs Verständnis vom Verständnis der Urtexte durch die Salaf. Die internen Konflikte mit Takfir (Ketzererklärungen), Warnungen und Ähnlichem können manchmal schlimmer sein als die gegen andere Muslime.
Schlusswort
Der Begriff Salaf oder al-Salaf al-Salih ist im Grunde ein positiver Begriff, der sich auf Gelehrte in der ersten muslimischen Ära bezieht, die sich durch Frömmigkeit und Wissen, aber auch durch Offenheit und die Bejahung von Meinungsverschiedenheiten auszeichnete. Es ist daher problematisch, dass eine heutige Bewegung oder Sekte versucht, diesen Begriff zu kidnappen und durch ihn zu Unwissenheit, Oberflächlichkeit, Engstirnigkeit und Sektierertum aufzurufen.
Der Begriff wird heute auf eine Weise verwendet, wie er zuvor nicht verwendet wurde. Er wird genutzt, um in sektiererischem Geist eine kleine Minderheit von Muslimen abzugrenzen, die den Anspruch erhebt, den „Ursprungs-Islam“ zu repräsentieren, und in der die Mehrheit der Muslime als Neuerer oder Abtrünnige angesehen wird. Dinge werden jedoch nicht wahr, nur weil man sie als „Wahrheit“ bezeichnet, und Ansprüche müssen durch Beweise gestützt werden, die man nicht hat. Man folgt den Salaf also nicht, nur weil man sich entscheidet, sich selbst Salafi zu nennen.
Dass der Salafismus dann stark mit Extremismus und Terrorismus in Verbindung gebracht wurde, ist ein weiteres Problem, das wir InshaAllah in einem eigenen Artikel behandeln werden.
Und Allah weiß es am besten.
[1] Ibn Manthur, Lisan al-‚Arab 6:330
[2] Bukhari, Muslim, u.a.
[3] Nawawi, Sharh Sahih Muslim, 16:84
[4] ‚Asqalani, Fath al-Bari, 11:335 / Nawawi, Sharh Sahih Muslim, 16:85
[5] ‚Asqalani, Fath al-Bari, 7:6
[6] Nawawi, Sharh Sahih Muslim, 3:138
[7] Ibn ‚Abd al-Barr, al-Istidhkar, 1:190
[8] Die Ursache dafür sind unter anderem ihre Kenntnisse in der arabischen Sprache und ihrer Verwendung sowie ihre Nähe zur Zeit der Offenbarung.
[9] Wir können beispielsweise sehen, dass Imam al-Bukhari und andere Hadithgelehrte in ihren Werken Ahadith von Menschen überliefern, die beispielsweise zu den Khawarij, Shi’a und anderen Sekten gehörten.
[10] Studieren Sie gerne die Ahadith, die von der Sammlung des Korans in u.a. Sahih Bukhari sprechen, als eines von vielen Beispielen für dieses Phänomen.
[11] Tabarani in Mu’jam al-Kabir. Ähnliches wird von Mujahid, Malik und anderen frühen Gelehrten überliefert.
[12] Majmu‘ al-Fatawa 12:492
[13] Dies ist ein großer Unterschied zu dem, was wir bei einigen Muslimen beobachten, die entweder ihre eigenen Ansichten oder die Ansichten von Gelehrten, die sie favorisieren, zu derselben Autorität und Fehlerlosigkeit wie die Worte Allahs oder des Propheten ﷺ erheben. Sie sagen „Allah sagt“ und „Der Prophet ﷺ sagt“, aber was sie eigentlich darlegen, ist ihr Verständnis der Worte Allahs und des Propheten ﷺ. Ein Verständnis, das entweder richtig oder falsch sein kann und somit entweder akzeptiert oder abgelehnt wird.
[14] Dieser Fehler ist einer von vielen, die aufgrund mangelnder Kenntnisse in islamischer Jurisprudenz [Usul al-Fiqh] gemacht werden. Missverständnisse rund um den Begriff Ijma‘ haben sogar dazu geführt, dass einige Muslime andere ohne wirklichen Grund zu Ketzern erklären. Wir bitten Allah um Zeit, dieses Thema in einem eigenen Artikel zu behandeln.
[15] Al-Ghazali, al-Mustasfa, 1:158
[16] Kalam ist der Name für die rationale theologische Wissenschaft, die früh in der muslimischen Geschichte sehr populär wurde und angewandt wurde, um u.a. der Herausforderung der hellenistischen Philosophie an die muslimische Glaubenslehre zu begegnen.
[17] Dies können wir wissen, weil er unmöglich auf die Idee kommen würde, die Ahl al-Sunnah ausschließlich auf die Imame der Hanafi-Schule zu beschränken. Andernfalls hätte es gereicht, wenn er gemäß Ahl al-Sunnah geschrieben hätte, ohne die Schule zu erwähnen. Seine Sicht auf andere Imame aus anderen Schulen und dass sie zur Ahl al-Sunnah gehören, wird in seinen anderen Werken deutlich.
[18] Ibn Taymiyyah selbst wurde stark von einer bestimmten Strömung innerhalb des Hanbalismus beeinflusst, in der er im Prinzip zum führenden Theologen [Mutakallim] und Verteidiger dieser Strömung wird. Diese hanbalitische Strömung wird von einigen Theologen al-Hashawiyyah genannt.