Ich nehme Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Satan. Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten, und Frieden und Segen seien auf Muhammad und seiner Familie. Liebe Muslime, As-salamu alaykum wa rahmatullahi wa barakatuh.
Unser heutiges Thema ist die Taqiyya bei den Schia. Grundsätzlich ist die Taqiyya bis zu einem gewissen Punkt ein Konzept, das von der Ahl as-Sunnah und der Schia geteilt wird. Innerhalb des Islams existiert keine systematische Rechtsschule, die die Taqiyya gänzlich ablehnt. Die einzige historische Ausnahme bildete die frühe schiitische Gruppierung der Saba’iyya (Anhänger von Abdullah ibn Saba), die Taqiyya kategorisch ablehnte und die Ansicht vertrat, dass es sie nicht geben dürfe. Er war jemand, der sein Glaubenssystem der Gesellschaft offen darlegte, dies geschah allerdings in einer Zeit, in der die Prophetengefährten (Sahaba), darunter auch Ali, noch lebten.
Taqiyya ist eine Erlaubnis, die Allah den Muslimen in Sure Al-Imran, Vers 28, und in Sure An-Nahl, Vers 106, gewährt hat. Um die theologischen Differenzen zu verstehen, müssen wir zunächst die gemeinsame Definition der Taqiyya betrachten.
Die gemeinsame theologische Grundlage
Taqiyya bezeichnet die Erlaubnis für Muslime, ihren Glauben zu verbergen, Worte des Unglaubens auszusprechen und bis zu einem gewissen Grad sogar Handlungen des Unglaubens zu vollziehen, sofern ihr Leben, ihr Eigentum oder ihre Ehre durch Nichtmuslime oder Feinde des Islams akut und real bedroht sind. In dieser Dimension herrscht zwischen der Ahl as-Sunnah und der Schia Konsens, da dies im Heiligen Koran fest verankert ist.
In Sure Al-Imran (Vers 28) gebietet Allah, dass Muslime die Ungläubigen nicht als Beschützer oder Freunde nehmen sollen. Wer sich von den Gläubigen abwendet und sich mit den Ungläubigen verbündet, hat bei Allah keinerlei Wert. Die Ausnahme hiervon greift, wenn Muslime Taqiyya praktizieren. Liegt ein solcher Gefahrenzustand vor, dürfen sie die Ungläubigen äußerlich als Freunde behandeln und Worte des Unglaubens äußern, unter der strikten Bedingung, dass sie innerlich standhaft bleiben und ihr Herz vom Glauben erfüllt ist.
Diese Regelung basiert auf einer objektiv begründbaren Furcht und wird nicht bloßen subjektiven Gefühlen überlassen, da das Angstempfinden von Mensch zu Mensch variiert. Man darf also nicht bei jedem Anflug von Angst sofort Taqiyya anwenden.
Der Vorfall um Ammar Bin Yasir
In Sure An-Nahl (Vers 106) spricht Allah: „Wer Allah verleugnet, nachdem er den Glauben (angenommen) hatte, außer demjenigen, der gezwungen wird, während sein Herz im Glauben Ruhe gefunden hat…“. Dieser Vers wurde, wie sunnitische und schiitische Quellen sowie Tafsir-Werke übereinstimmend festhalten, bezüglich Ammar Bin Yasir herabgesandt. Seine Eltern und andere wehrlose Muslime aus Mekka wurden gefangengenommen und gefoltert. Man verlangte von ihnen, sich von ihrer Religion abzuwenden, andernfalls würden sie getötet. Es lag somit eine existenzielle Bedrohung vor. Ammars Eltern weigerten sich standhaft, den Gesandten Allahs zu verleugnen, und erlitten infolgedessen den Märtyrertod.
Ammar Bin Yasir hingegen gab angesichts der unmittelbaren Todesbedrohung den Forderungen der Ungläubigen nach und wurde freigelassen. Im Anschluss suchte er voller Scham und Trauer den Propheten auf, schilderte die Ereignisse und fragte, ob er überhaupt noch Muslim sei. Der Prophet fragte ihn: „Wie war der Zustand deines Herzens, als du den Unglauben aussprachst, mich ablehntest und die Götzen anerkanntest?“ Ammar antwortete: „Mein Herz war fest im Glauben.“ Daraufhin entgegnete der Prophet: „Wenn sie zurückkehren und dir dieselbe Folter antun, dann handle wieder genauso.“
Der herabgesandte Vers besagt, dass jene, die unter Zwang Allah verleugnen, Vergebung finden, sofern ihr Herz im Glauben gefestigt bleibt. Vergleicht man jedoch innerhalb der Ahl as-Sunnah das Verhalten von Ammars Eltern mit dem von Ammar selbst, so wird das standhafte Vorgehen der Eltern als das Vorzüglichere betrachtet. Sie wählten die absolute Standhaftigkeit und erlangten das Martyrium.
Daher gilt der Grundsatz, dass Muslime nach Möglichkeit die Standhaftigkeit bevorzugen sollten, wenngleich ihnen die Erlaubnis zur Taqiyya offensteht. Ein weiteres Beispiel hierfür ist Bilal al-Habaschi, der unter schwerster Folter beharrlich „Ahad, Ahad“ rief und keinen Gebrauch von der Ausnahmeregelung machte.
Die Standhaftigkeit bleibt das Ideal, und jene, die sie wählen, genießen bei Allah einen höheren Rang. Auch der schiitische Gelehrte Tabatabai führt bei der Auslegung dieses Verses eine Überlieferung von Ali an, in der dieser sagte: „In Zukunft wird von euch verlangt werden, mich zu schmähen und zu verfluchen. Ihr dürft mich schmähen.“
Der Konfliktpunkt: Die Ausweitung der Taqiyya in der Schia
Wo aber geraten die Ahl as-Sunnah und die Schia beim Begriff der Taqiyya in einen unüberbrückbaren Konflikt? Was bedeutet Taqiyya im spezifisch schiitischen Kontext, gegen wen richtet sie sich, und wer wendet sie an?
Während in der Ahl as-Sunnah ausschließlich einfache Muslime in Notlagen Taqiyya anwenden (der unfehlbare Prophet als Übermittler der Religion tat dies niemals), praktizieren in der Schia nicht nur einfache Gläubige, sondern auch Gelehrte, die unfehlbaren Imame und sogar der Gesandte Allahs selbst Taqiyya. Hierfür führen sie zahlreiche Beweise an.
Shaykh Mufid definiert Taqiyya in seinem Werk Tashih al-I’tiqad als das Verbergen der Wahrheit und des Glaubens gegenüber „Opponenten“, um weltlichen oder religiösen Schaden abzuwenden.
Der Begriff „Opponenten“ ist hierbei entscheidend. Er beschränkt sich keineswegs nur auf Nichtmuslime, sondern schließt insbesondere die Anhänger der Ahl as-Sunnah, die Khawarij, die Mu’tazilah und alle anderen Strömungen ein. Sogar innerhalb der Schia wendet die vorherrschende Gruppierung der Zwölfer Schia (Imamiyya) Taqiyya gegenüber anderen schiitischen Untergruppen an.
Ayatollah Khomeini schreibt in seinem Buch Kaschf al-Asrar, Taqiyya bedeute, ein Urteil entgegen den Tatsachen zu fällen und im Widerspruch zur Scharia zu handeln, um das eigene Leben, Eigentum oder die Ehre zu schützen. Er veranschaulicht dies an einem markanten Beispiel: Ein Schiit, der in einer sunnitischen Gesellschaft lebt, darf die rituelle Waschung (Wudu) nach sunnitischer Art vollziehen, nur um sich zu tarnen. Für die Schia ist es essenziell, die Arme von den Ellbogen abwärts in Richtung der Finger zu waschen und über die nackten Füße zu streichen, anstatt sie zu waschen. Sich entgegen diesen eigenen Prinzipien sunnitisch zu waschen, ist eine Form der Taqiyya. Er verbirgt seine Identität als Zwölfer-Schiit und gibt sich als Sunnit aus.
Taqiyya als fundamentalistisches Prinzip und der „Illegitime Staat“
In der Schia hat die Taqiyya den absoluten Status eines religiösen Gebots. Dem 6. Imam, Jafar as-Sadiq (der in der Schia als unfehlbar gilt und dessen Worte und Taten als bindende Religion betrachtet werden), wird die Aussage zugeschrieben: „Wenn ich sagen würde, das Urteil für den, der die Taqiyya verlässt, ist wie das Urteil für den, der das Gebet verlässt, dann hätte ich die Wahrheit gesagt.“
Ein Muslim darf die Taqiyya also nicht ablegen; er muss sie leben.
In Kulaynis Al-Kafi, der authentischsten schiitischen Hadith Quelle, heißt es klipp und klar: „Wer keine Taqiyya hat, hat auch keine Religion.“ Ayatollah Khomeini ergänzt in Rasa’il (Band 75), dass Taqiyya nicht nur aus Furcht angewendet wird, sondern auch explizit dazu dient, die Liebe und Sympathie der Opponenten, also etwa des sunnitischen Volkes, der Gelehrten oder der Politiker zu gewinnen. In diesem Fall existiert überhaupt keine Bedrohung für Leben oder Eigentum; das Verstellen dient der reinen Sympathiegewinnung.
Khomeini erklärt zudem, es sei Pflicht (Wajib), in einem „illegitimen Staat“ Taqiyya zu praktizieren. Ein illegitimer Staat ist nach den Schia jedes System, das nicht auf den Glaubensgrundsätzen der jafaritischen Zwölfer-Schia basiert. Dazu zählen die Reiche der Umayyaden, Abbasiden, Osmanen sowie von anderen schiitischen Gruppierungen (wie den Ismailiten) gegründete Staaten wie das Fatimidenreich. Folglich gilt fast die gesamte Region und Epoche seit dem Kalifat von Abu Bakr als „Dar al-Taqiyya“ (Haus der Taqiyya). In diesem Herrschaftsgebiet muss Taqiyya zwingend gelebt werden. Scheich Mufid mahnt, dass niemand die Taqiyya aufheben dürfe, bis Imam Mahdi (Al-Qaim) erscheint und Gerechtigkeit herstellt. Wer sie vorher aufgibt, verrate Allah, den Propheten und die Imame. Da laut schiitischem Glauben Abu Bakr das rechtmäßige Kalifat Alis usurpiert habe, begann ab diesem Moment die Pflicht zur Taqiyya.
Es gibt zahlreiche Überlieferungen, die dies untermauern. Vom 4. Imam, Zayn al-Abidin, wird überliefert, dass Allah dem Gläubigen alle Sünden vergebe, außer zweien: das Verlassen des Gebets und das Verlassen der Taqiyya. Wer durch den Verzicht auf Taqiyya die Rechte der exklusiven schiitischen Bruderschaft (Ikhwan) gefährdet, dem werde nicht vergeben. In Al-Kafi wird ein weiterer Hadith von Imam Jafar as-Sadiq zitiert: „Neun Zehntel der Religion sind Taqiyya. In allem gibt es sie.“ Als man den 10. Imam, Ali Al-Hadi, fragte, wer der vollkommenste Mensch sei, antwortete dieser: „Derjenige, der am meisten Taqiyya macht.“ Diese Auffassungen verdeutlichen eine Minderheitenpsychologie, die darauf abzielt, die eigenen Reihen permanent zu schließen, die Brüder zu schützen und die Taqiyya als ständige Waffe einzusetzen.
Taqiyya und Bada‘ als Erklärungsmodelle für Widersprüche
Doch warum wurde die Taqiyya derart stark in die Rechtsschule integriert? Ein Gelehrter namens Sulayman Bin Jarir merkte an, die Schia habe zwei Konzepte entwickelt, um theologische Widersprüche und historische Ungereimtheiten zu erklären: Bada‘ und Taqiyya.
Bada‘ bezeichnet die angebliche Änderung von Allahs Vorherwissen oder Seinem Schöpfungsplan. Die Theorie besagt, das Imamat gehe stets auf den ältesten Sohn über. Als jedoch nach Ali nicht Hasans ältester Sohn, sondern dessen Bruder Husayn Imam wurde, oder als nach Imam Jafar as-Sadiq nicht sein früh verstorbener ältester Sohn Ismail, sondern Musa Kadhim Imam wurde, erklärte die Zwölfer-Schia dies mit Bada‘, Allah habe Seine Entscheidung geändert. (Die Ismailiten spalteten sich an genau diesem Punkt ab, da sie das Imamat bei Ismail als beendet ansahen).
Historische Ereignisse werden indes mit Taqiyya erklärt. Wenn die Imame unfehlbar sind, wie konnte Ali dann Abu Bakr den Treueeid leisten, anstatt für sein göttliches Recht zu kämpfen? Warum leisteten Hasan und Husayn Muawiya den Treueeid? Warum benannte Ali drei seiner Söhne (die später mit Husayn in Kerbela starben) nach Abu Bakr, Umar und Uthman? Und warum verheiratete er seine Tochter Umm Kulthum mit Umar?
All diese Fakten, die offen in schiitischen Quellen stehen, stehen im krassen Widerspruch zur systematischen Ablehnung dieser Gefährten. Die pauschale Erklärung der Schia lautet: Taqiyya. Ali habe zum Wohl der Muslime und zur Vermeidung von Blutvergießen auf sein politisches Recht verzichtet und sich verstellt.
Ayatollah Khomeini treibt dies in Kaschf al-Asrar (Seite 116) noch weiter, indem er fragt, warum Allah das Imamat der Imame nicht unmissverständlich im Koran erwähnt habe.
Seine Antwort: Wenn es einen solchen klaren Vers gegeben hätte, hätten die Feinde des Islams (die Sahaba) den Koran verfälscht. Um das Heilige Buch zu schützen, habe Allah diesen Vers gar nicht erst herabgesandt. Das bedeutet de facto, dass Allah Selbst Taqiyya anwendet.
Ein weiteres Beispiel liefert der Vers aus Sure Al-Ma’idah (Vers 55) über jene, „die die Zakat geben, während sie sich verbeugen“. Schiitische Quellen behaupten, dies beziehe sich auf Ali, der während des Ruku einem Bettler seinen Ring gab. Auf die Frage, warum der Vers dann im Plural formuliert sei, antworten Gelehrte wie Shaykh Jaza’iri und Jafar Subhani, Allah habe den Plural gewählt, um Ali zu verbergen und vor Bedrohungen zu schützen abermals eine göttliche Anwendung von Taqiyya.
Historischer Kontext und paradoxe Fatawa
Schiitische Gelehrte rechtfertigen die Taqiyya zudem mit der massiven Unterdrückung während der Epochen von Abu Bakr, Umar sowie der Umayyaden und Abbasiden. Khomeini konstatierte: „Wenn es die Taqiyya nicht gegeben hätte, wäre die schiitische Rechtsschule in der Geschichte vernichtet worden.“
Sobald die Schiiten jedoch politische Macht erlangten und keine Feinde mehr fürchten mussten, wie bei der Gründung des mächtigen Safawidenreiches, begannen sie, die Taqiyya abzulegen. Plötzlich wurden die Sahaba und Aischa öffentlich in Freitagspredigten verflucht.
Auch im heutigen Iran, wo die jafaritische Schia mit etwa 85 % die absolute Mehrheit bildet, wird kaum Taqiyya praktiziert, da es nicht nötig ist. Verlässt man dieses sichere Umfeld jedoch, tritt die absolute religiöse Pflicht zur Taqiyya sofort wieder in Kraft.
Diese ständige Praxis der Taqiyya führt zu massiven Paradoxien innerhalb der schiitischen Hadith Literatur. Es existieren unzählige sich widersprechende Fatawa derselben Imame zu identischen Themen (z. B. Fasten, Totengebet, das laute Lesen der Basmala). Immer dann, wenn ein Urteil eines Imams mit der Lehre der Ahl as-Sunnah übereinstimmt, werten schiitische Gelehrte es ab und erklären, der Imam habe dies lediglich aus Taqiyya gesagt.
Ein prominentes Beispiel ist die Mut’a Ehe (Zeitehe), bei der Mann und Frau eine Ehe auf Zeit schließen, ohne die übliche Beschränkung auf vier Frauen (ein Mann kann 10 oder gar 70 Frauen zeitgleich durch Mut’a heiraten). In der Ahl as-Sunnah und bei allen anderen schiitischen Gruppen gilt die Mut’a Ehe als abrogiert (Naskh) und haram.
Die jafaritische Zwölfer-Schia verteidigt sie jedoch als festes religiöses Prinzip. Tauchen nun in schiitischen Quellen Überlieferungen von Ali auf, die besagen, der Prophet habe die Mut’a am Tag von Khaybar verboten, fügen Gelehrte wie Shaykh Tusi in den Fußnoten hinzu, diese Worte seien vom Imam nur aus Taqiyya gesprochen worden. Sie verfluchen sogar Umar dafür, dass er die Zeitehe endgültig untersagt habe.
Dasselbe Prinzip greift beim Gebet: Wenn ein Imam (wie Imam Sadiq von seinem Vater berichtet) erlaubte, hinter Sunniten zu beten oder bestimmte Speisevorschriften der Sunniten zu übernehmen, kommentieren schiitische Rechtsgelehrte dies sofort als Fatawa, die ausschließlich im Kontext der Taqiyya erteilt wurden.
Fazit: Die Zerstörung des Vertrauens
Letztlich fungiert die Taqiyya in der Schia als Generalwerkzeug, um alles Unerklärliche zu legitimieren. Gleichzeitig festigt sie die Psychologie einer Minderheit, die sich radikal vom „Anderen“ abgrenzt. Wahre Freundschaft gebührt nur jenen, die an das Imamat von Ali und seinen Nachkommen glauben; alle anderen können lediglich zum Schein, aus Taqiyya heraus, wie Freunde behandelt werden.
Während die Taqiyya in der Ahl as-Sunnah eine seltene Erlaubnis für extreme existenzielle Notlagen ist, wurde sie in der Schia zu einem ständigen, verpflichtenden Lebenszustand erhoben, der sich primär gegen die Sunniten richtet. Dies vergiftet die Beziehungen zwischen den muslimischen Strömungen zutiefst. Wenn religiöse Autoritäten und Quellen lehren, dass ein Leben ohne Taqiyya ein Leben ohne Religion sei und dass man sie anwenden müsse, um gottesfürchtig zu sein, wird jegliches gegenseitige Vertrauen dynamitiert. Man kann schlichtweg nie abschätzen, ob das Gegenüber aufrichtig handelt oder ob es sich aufgrund seiner religiösen Lehre verstellt.