Die glaubenslehre der Ahlu Sunnah

Die Asha'irah und Maturidiyyah


Klarstellung gegenüber den Behauptungen über die Ashaʿirah – Teil 3

Elftes Zitat: Ibn Khuwayz Mindād al-Mālikī

Der Gegner sagt:

Imam Ibn Khuwayz Mindād al-Mālikī sagte:

أَهْلُ الْأَهْوَاءِ عِنْدَ مَالِكٍ وَسَائِرِ أَصْحَابِنَا هُمْ أَهْلُ الْكَلَامِ، فَكُلُّ مُتَكَلِّمٍ فَهُوَ مِنْ أَهْلِ الْأَهْوَاءِ وَالْبِدَعِ، أَشْعَرِيًّا كَانَ أَوْ غَيْرَ أَشْعَرِيٍّ، وَلَا تُقْبَلُ لَهُ شَهَادَةٌ فِي الْإِسْلَامِ، وَيُهْجَرُ وَيُؤَدَّبُ عَلَى بِدْعَتِهِ، فَإِنْ تَمَادَى عَلَيْهَا اسْتُتِيبَ مِنْهَا.

„Die Leute der Begierden (Ahl al-Ahwāʾ) nach Mālik und all unseren Gefährten sind die Leute der spekulativen Theologie (Ahl al-Kalām). Jeder, der sich mit Kalām befasst, gehört zu den Leuten der Begierden und der Neuerungen (Bidʿa) — ob er nun Aschʿarit ist oder kein Aschʿarit. Sein Zeugnis wird im Islam nicht angenommen, die Menschen meiden ihn, und er wird wegen seiner Neuerung bestraft. Wenn er darin beharrt, wird er zur Reue aufgefordert (und wenn er sich nicht reuig zeigt, wird er getötet).“ 

„Jāmiʿ Bayān al-ʿIlm“ von Ibn ʿAbd al-Barr (Band 2, Seite 942).

Antwort:

Wir akzeptieren eine solche Kritik aus mehreren Gründen nicht.

Erstens: Ibn Khuwayz Mindād wurde von den mālikitischen Gelehrten zurückgewiesen. Die Imame Abū l-Walīd al-Bājī und Ibn ʿAbd al-Barr kritisierten ihn. Siehe hierzu: „Lisān al-Mīzān“ von Ibn Ḥajar (Band 5, Seite 291)

Er gilt unter den Mālikiten als verdächtig und wird in den biographischen Werken über die mālikitischen Gelehrten kaum erwähnt. Seine Urteile waren schwach und sein Verständnis des Fiqh war mangelhaft, wie der Qādī ʿIyāḍ in seinem Werk Tartīb al-Madārik sagte – und andere mālikitische Gelehrte stimmten dem zu.

Imam Qādī ʿIyāḍ al-Mālikī (gest. 544 n. H. – möge Allah ihm barmherzig sein) schrieb:

وعنده شواذ عن مالك، وله اختيارات وتأويلات على المذهب، خالف فيها المذهب في الفقه والأصول، ولم يعرج عليها حذاق المذهب.

„Er hatte abweichende Meinungen von Mālik, und er hatte in der Rechtsschule eigene Ansichten und Deutungen, in denen er dem Madhhab sowohl in Fragen des Fiqh als auch der Grundlagen (Usūl) widersprach, und die scharfsinnigen Gelehrten der Rechtsschule schenkten diesen keine Beachtung.“ 

„Jamharat Tarāhim al-Fuqahāʾ al-Mālikiyya“ (Band 2, Seite 1006)

Imam Abū l-Walīd al-Bājī (gest. 474 n. H. – möge Allah ihm barmherzig sein) schrieb: 

إني لم أسمع له في علماء العراق بذكر، وكان يجانب الكلام جملة، وينافر أهله حتى تعدى ذلك إلى منافرته المتكلمين من أهل السنة، وحكم على الكل بأنهم من أهل الأهواء.

„Ich habe nie gehört, dass die Gelehrten des Irak seiner Erwähnung würdigten. Er mied den Kalām vollständig und stand dessen Anhängern feindlich gegenüber – bis zu dem Punkt, dass er selbst jenen unter den Leuten der Sunna, die sich mit Kalām beschäftigten, feindlich gesinnt war und über sie alle urteilte, sie gehörten zu den Leuten der Begierden (Ahl al-Ahwāʾ).“ 

„Jamharat Tarāhim al-Fuqahāʾ al-Mālikiyya“ (Band 2, Seite 1006)

Daraus folgt: Ibn Khuwaiyz Mindād gehörte nicht zu den bedeutenden oder maßgeblichen Gelehrten der mālikitischen Rechtsschule. Im Gegenteil: führende Vertreter des Madhhabs wiesen auf seine Unbekanntheit in den Gelehrtenkreisen und auf die Schwäche seines Verständnisses religiöser Fragen hin.

Zweitens: Einige Gelehrte zweifelten die Zuverlässigkeit der Aussagen Ibn Khuwayz Mindāds an und betrachteten sie als falsche Überlieferungen.

Der Großgelehrte der Malikiten Ibn Baziza al-Tūnisī (gest. 662 n. H.) sagte in seinem Werk al-Isʿād bi-taḥrīr maqāṣid al-Irshād in Bezug auf die Worte Ibn Khuwayz Mindāds über die Asha’irah:

وأما ما نقل عن محمد بن خويز منداد من المالكية، قال في الأشاعرة: إنهم من أهل الأهواء الذين تردّ شهادتهم، فنقل باطل! ولو صح نقله فالحق حُجَّةٌ عليه، وإذا تصفحت مذاهب الأشعرية وقواعدهم ومباني أدلتهم وجدت ذلك مستفادا من الأدلة الوحيِيَّة راجعًا إليها، فمن أنكر قاعدة علم التوحيد فقد أنكر القرآن، وذلك عين الكفر والخسران. وقديما قيل: إن العراقيين تلقاها محسدة وكيف يُرجع إلى رأي ابن خويز منداد وتُترك أقاويل أفاضل الأمة وعلماء الملة من الصحابة وبعدهم كالأشعري والباهلي والقلانسي والمحاسبي وابن فورك والاسفرايني والباقلاني وغيرهم من أهل السنة؟

„Was von Muḥammad ibn Khuwayz Mindād, einem Māliki, überliefert wird, dass er über die Asha’irah gesagt habe: ‚Sie gehören zu den Leuten der Begierden, deren Zeugnis verworfen wird‘ – das ist eine falsche Überlieferung! Selbst wenn man die Überlieferung als korrekt ansähe, wäre die Wahrheit ein Beweis gegen ihn. Wenn du die Lehre der Asha’irah, ihre Grundlagen, Prinzipien und die Art, wie sie ihre Beweise aufbauen, sorgfältig prüfst, wirst du erkennen, dass all dies aus den Offenbarungsquellen (Koran und Sunna) abgeleitet ist. Wer die Grundlagen der Wissenschaft vom Tauhīd leugnet, der leugnet den Koran – und das ist der Inbegriff des Unglaubens und des Verlustes. Wie könnte man also auf die Meinung von Ibn Khuwayz Mindād zurückgreifen und die Aussagen der vorzüglichen Imame und Gelehrten der Gemeinschaft, der Gefährten und ihrer Nachfolger, wie al-Ashʿarī, al-Bāhilī, al-Qalānisī, al-Muḥāsibī, Ibn Fūrak, al-Isfarāʾīnī, al-Bāqillānī und anderer Leute der Sunna, außer Acht lassen?“

Drittens

Die Kritik Ibn Khuwayz Mindāds richtete sich in erster Linie gegen den Kalām (die spekulative Theologie), unabhängig davon, ob derjenige, der sich damit befasste, der Schule der Asha’irah angehörte oder nicht. Dies zeigt nicht seine generelle Haltung gegenüber den Asha’irah, denn der Schwerpunkt liegt ausdrücklich auf der Verurteilung des Kalām selbst, nicht auf der Ablehnung der Schule der Asha’irah als solcher.

Es stellt sich daher die berechtigte Frage:

Kann man aufgrund dieses Zitats das Verhältnis Ibn Khuwayz Mindāds zu jenen Asha’irah beurteilen, die sich nicht mit Kalām befassten?

Offensichtlich nicht, denn der Text spricht diese Kategorie von Gelehrten überhaupt nicht an.

Der Gegner sagt: „Dies ist der Ijmāʿ (Konsens) der frühen Mālikiten, die auf der Sunna waren, bevor die ʿAqīda der Asha’irah in den Ländern des Maghreb durch Feuer und Schwert Ibn Tumarts (möge Allah ihn verfluchen) aufgezwungen wurde – über die Irreführung der Asha’irah, ihre Lossagung von ihnen und die Forderung nach ihrer Reue.“

Antwort:

Das ist eine offenkundige Lüge, denn es gibt keinen Ijmāʿ (Konsens) unter den Mālikiten in dieser Frage.

Die Behauptung, dass die Länder des Maghreb bis zur Eroberung durch die Almohaden keine Kenntnis von der ʿAqīda der Asha’irah gehabt hätten, ist ein tiefgehender Irrtum und eine offensichtlich falsche Annahme.

Der Madhhab der Asha’irah verbreitete sich im Maghreb bereits vor der Entstehung des Almoraviden-Staates, also bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts der Hijra.

Unter denen, die diese Ansicht vertreten, sind der Hafiz Ibn ʿAsākir und Muḥammad Zāhid al-Kawtharī, der ihm in dieser Meinung folgt.

Ibn ʿAsākir erwähnte, dass einige Schüler Abū Bakr al-Bāqillānīs aus dem Maghreb einen erheblichen Einfluss auf die Verbreitung der  ʿAqīda der Asha’irah in Qayrawān und anderen Zentren des Maghreb hatten. Siehe hierzu: „Tabyīn Kādhib al-Muftarī“ von Ibn ʿAsākir, Seite 120.

Muḥammad Zāhid al-Kawtharī bestätigte dies und erklärte, dass die Bewohner des Maghreb – bis hin zu den entferntesten Regionen Afrikas – Anhänger des Madhhab der Asha’irah waren.

Imam al-Bāqillānī sandte einen seiner Schüler, Abū ʿAbdallāh al-Azdi, zunächst in die Levante (Syrien), danach nach Qayrawān und in die Länder des Maghreb, wo die Gelehrten ihn freundlich empfingen.

Einige Historiker meinten tatsächlich, dass der Ashʿarismus erst im 6. Jahrhundert gewaltsam in den Maghreb eingeführt worden sei und machten dafür Ibn Tūmart verantwortlich.

Obwohl diese Ansicht auch von einigen bedeutenden Historikern vertreten wurde, wie al-Maqrīzī, Ibn Khaldūn, ʿAbd al-Wāḥid al-Marrākushī und anderen, ist sie schwach und widerspricht den historischen Tatsachen.

Die Wahrheit ist: Die Madhhab der Asha’irah durchlief im Maghreb mehrere Entwicklungsphasen, bevor er dort zum offiziellen Madhhab wurde. Anfangs hatte er nur begrenzten Einfluss, und die erste Ausbreitung der Lehre der Asha’irah im Maghreb erfolgte bereits zu Zeiten Abū Bakr al-Bāqillānīs.

Als später die Almoraviden an die Macht kamen, kämpften sie nicht gegen die Madhhab der Asha’irah und seine Gelehrten. Im Gegenteil, die führenden Gelehrten der Asha’irah des Maghreb zur Zeit der Almoraviden wurden Richter in den Hauptstädten und Wissenschaftszentren des Reiches, was zur weiteren Verbreitung des Ashʿarismus beitrug.

So war Abū Bakr Ibn al-ʿArabī, ein Schüler des Imam al-Ghazālī, Qāḍī von Sevilla und Qāḍī ʿIyāḍ, den die Almoraviden sehr schätzten, war Qāḍī von Granada und Ceuta. Abū l-Walīd al-Bājī, einer der Imame der Asha’irah, war ein Stolz des Maghreb unter den Almoraviden.

Er war es, der mit Ibn Ḥazm disputierte und ihn wegen seiner Kritik am Ashʿarismus zurückwies.

Er war auch derjenige, der Ibn Khuwayz Mindād wegen seiner Kritik an den sunnitischen Mutakallimūn (Theologen) tadelte.

Wir finden zahlreiche Gelehrte der Asha’irah im Maghreb und in al-Andalus, die sich aktiv der Verbreitung der ʿAqīda der Asha’irah widmeten und Werke über sie verfassten – während der Zeit der Almoraviden und sogar lange vor ihnen.

Beispielsweise: Abū Bakr at-Tujībī, Abū Bakr Muḥammad ibn Ḥasan al-Murādī, Abū l-Ḥajjāj Yūsuf ibn Mūsā ad-Darīr, einer der Theologen, der Asha’irah der bekannte Werke in diesem Bereich verfasste.

In jener Zeit verfassten die Gelehrten Schriften zur Verteidigung al-Ashʿarīs, führten Dispute zur Verteidigung des Madhhab und verbreiteten Bücher, die die Grundlagen des Madhhab festigten. All dies geschah unter der Schirmherrschaft der Almoraviden, lange bevor Ibn Tūmart erschien und begann, ihre Länder zu erobern.

Wir besitzen konkrete Namen, Ereignisse, Personen und historische Belege. Daher ist die Behauptung derjenigen, die sagen, dass der Ashʿarismus erst mit den Almohaden gewaltsam in die Länder des Maghreb eingeführt worden sei und dass zuvor die Mālikiten des Maghreb einmütig den Ashʿarismus verurteilt hätten, eine Lüge, die nicht mit der historischen Präsenz und Entwicklung des Ashʿarismus im Maghreb vor Ibn Tūmart übereinstimmt.

Es gab keine gewaltsame Einführung des Ashʿarismus im Maghreb, denn der Ashʿarismus war dort bereits weithin anerkannt und verbreitet.



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