Die glaubenslehre der Ahlu Sunnah

Die Asha'irah und Maturidiyyah


Klarstellung gegenüber den Behauptungen über die Ashaʿirah – Teil 2

Zweites Zitat: Imām Ahmad ibn Sinān al-Wāsitī

Der Gegner sagt:

Imām Ahmad ibn Sinān al-Wāsitī sagte:

من زعم أن القرآن شيئين او القرآن حكاية ، فهو والله الذي لا إله إلا هو زنديق كافر

„Wer behauptet, dass der Qurʾān zwei Dinge sei oder dass der Qurʾān eine hikāyah sei, der ist – bei Gott, außer Dem es keinen Anbetungswürdigen gibt – ein Zindīq und Kāfir.“ 

Ikhtisas al-Qurʾān – Diyāʾ ad-Dīn al-Maqdisī (mit authentischer Überlieferungskette), S. 31.

Antwort:

Dieses Zitat enthält keine direkte und eindeutige Kritik an Ibn Kullāb. In den historischen Quellen gibt es keine Belege dafür, dass Zeitgenossen von Ibn Kullāb – sei es Ahmad, Ibn Sinān oder andere – ihn offen des Unglaubens beschuldigt hätten.

Es ist auch bekannt, dass Imām al-Ashʿarī sich in mehreren Fragen von Ibn Kullāb unterschied, etwa in der Frage, ob der Qurʾān eine „hikāyah“ sei oder nicht.

Daher können die angeführten Worte weder als Argument gegen Ibn Kullāb selbst dienen, noch – erst recht – gegen die Madhab der Asha’irah.

Drittes Zitat: Imām Muhammad al-Busandjī

Der Gegner sagt:

Der große Imām aus den Reihen der Salaf, Muhammad ibn Ibrāhīm al-Busandjī (gest. 268 n. H.), sagte über die Ash’ari Kullabiyyah:

وهذه الفرقة فتنتهم أقرب إلى قلوب [بعض] العباد؛ فلم يؤمن أن يستعتوا بهذه الشبه ويستغووا بها أمثالهم من المخذولين، من أجل ذلك وجب أن يتشدد على هذه الفرقة الخسيسة في التحذير عنهم، والنهي عن مجالستهم، وعن محاورتهم، وعن الصلاة خلفهم، وعن مخالطتهم؛ تنكيلاً؛ كما فعلت الأئمة الهداة مثل عمر بن الخطاب وعلي بن أبي طالب هلم جرا من نفي أمثالهم وحسم رأيهم عن الأمة، والأمر بتسييرهم عن البلاد، وتقنيع رؤوسهم بالسياط، وهذا فرقة مستحقة لمثله؛ فإما ركون أو إصغاء إلى استفتائهم، أو أخذ حديث عنهم؛ [فهو] عندي من عظائم أمور الدين

„Diese Sekte – ihre Fitna ist dem Herzen mancher Diener besonders nahe, und es besteht die Gefahr, dass sie durch diese Zweifel (shubuhāt) ihresgleichen, die von Allahs Hilfe verlassen sind, in die Irre führen. Deshalb ist es Pflicht, mit dieser verachtenswerten Sekte streng zu verfahren: vor ihnen zu warnen, das Zusammensitzen mit ihnen zu verbieten, mit ihnen nicht zu diskutieren, nicht hinter ihnen zu beten und keinen Umgang mit ihnen zu pflegen – als Strafe für sie. So wie es die rechtleitenden Imāme taten, etwa ʿUmar ibn al-Khattāb und ʿAlī ibn Abī Tālib und andere, indem sie ihresgleichen aus der Gemeinschaft verbannten, ihre Ansichten aus der Umma beseitigten, befahlen, sie aus dem Land zu vertreiben und ihre Anführer mit Peitschen zu züchtigen. Und diese Sekte verdient genau dasselbe. Was aber die Zuneigung zu ihnen betrifft oder das annehmen von Hadīthen von ihnen oder das Einholen von Fatwas bei ihnen – so gehört dies meiner Ansicht nach zu den größten Katastrophen in der Religion.“  Dhamm al-Kalām – al-Harawī (Nr. 1546)

Antwort:

Im Isnād dieser Überlieferung befindet sich ʿAbdallāh ibn ʿUmar sowie sein Shaykh Abū Ahmad Ismāʿīl, der Enkel von Abū Saʿd az-Zāhid, der diese Worte von Imām al-Busandǧī überlieferte. Über die beiden Überlieferer dieses Werkes – ʿAbdallāh ibn ʿUmar und Abū Ahmad Ismāʿīl – konnten wir keine Informationen finden. Wir erklären daher diese zugeschriebenen Aussagen von Imām al-Busandǧī als nicht authentisch.

Viertes Zitat: Imām Abū Hātim ar-Rāzī

Der Gegner sagt:

Abū Hātim, der Imām seiner Zeit, sagte:

من كلام جهم بن صفوان، وحسين الكرابيسي، وداود بن علي: أن لفظهم بالقرآن مخلوق، وأن القرآن المنزل على نبينا ?مما جاء به جبريل الأمين حكاية القرآن، فجهمهم أبو عبد الله أحمد بن محمد بن حنبل، وتابعه على تجهيمهم علماء الأمصار طرّاً أجمعون، لا خلاف بين أهل الأثر في ذلك

„Zu den Aussagen von Jahm ibn Safwān, Husayn al-Karābīsī und Dāwūd ibn ʿAlī gehört: dass ihre Aussage und Rezitation des Qurʾān erschaffen sei und dass der auf unseren Propheten herabgesandte Qurʾān, den der treue Jibrīl brachte, nur eine hikāyah des wahren Qurʾān sei. Abū ʿAbdallāh Ahmad ibn Muhammad ibn Hanbal nannte sie deshalb Jahmīyyah, und die Gelehrten aller Länder folgten ihm darin, sie als Jahmīyyah zu bezeichnen, und es gibt keinen Meinungsunterschied unter den Ahl al-āthār in dieser Frage.“ al-Hujja fī bayān al-mahajja – Abū l-Qāsim at-Taymī (B. 2, S. 203).

Antwort:

Diese Überlieferung weist Mängel auf. Die Behauptung, dass der Qurʾān nur eine hikāyah sei oder dass die Rezitation des Qurʾān erschaffen sei, als Ansichten von Jahm ibn Safwān darzustellen, ist fehlerhaft, da es keine zuverlässigen Belege gibt, dass er solche Auffassungen vertrat. Ebenso gibt es keine gesicherten Überlieferungen, dass Imām Ahmad oder andere frühe Gelehrte Jahm genau in diesen Fragen kritisiert hätten. Bekannt ist, dass Jahm die Ewigkeit der Rede Allahs leugnete, doch die Idee der Erschaffenheit der Rezitation wurde zuerst von Imām al-Karābīsī vertreten, während das Konzept des Qurʾān als Hikāyah zuerst von Ibn Kullāb eingeführt wurde. Keiner von ihnen jedoch – im Gegensatz zu Jahm – behauptete, dass das Wort Gottes selbst in seinem Wesen erschaffen sei. Die Zuschreibung dieser Ansichten an Jahm ibn Safwān weist daher auf die mangelnde Zuverlässigkeit dieser Überlieferung im Hinblick auf den matn (Inhalt) hin. In diesem Zitat wird außerdem keine Kritik an Ibn Kullāb erwähnt. Wie bereits dargelegt, stimmte Imām al-Ashʿarī Ibn Kullāb in der Frage, ob der Qurʾān eine hikāyah sei, nicht zu. Eine detaillierte Erörterung der Kritik von Imām Ahmad wurde bereits beim ersten Zitat behandelt.

Fünftes Zitat: Abū l-ʿAbbās as-Surayj

Der Gegner sagt:

Auch sagte der Imām der Shafiʿiyyah, genannt „der zweite ash-Shāfiʿī“, Abū l-ʿAbbās as-Surayj, als er über die Bedeutung des Tauhīd gefragt wurde:

توحيد أهل العلم وجماعة المسلمين: أشهد أن لا إله إلا الله، وأن محمداً رسول الله، وتوحيد أهل الباطل الخوض في الأعراض والأجسام

„Der Tauhīd der Gelehrten und der Gemeinschaft der Muslime ist: Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allāh, und dass Muhammad der Gesandte Allāhs ist. Und der ‘Tauhīd’ der Leute der Lüge ist das Erörtern von Akzidenzien (aʿrād) und Körpern (ajsām).“ 

Dhamm al-Kalām – al-Harawī (B. 4, S. 385)

Antwort:

Folgt man dieser Logik konsequent, so fiele die Kritik as-Surayjs auf alle, die diese Fragen behandelten, einschließlich Ibn Taymīyyah und anderer – denn er hat nicht klargestellt, dass er sich nur auf bestimmte Personen, Gruppen oder bestimmte Argumentationen bezieht. 

Was die Position von as-Surayj betrifft, so ist seine Ansicht zutreffend: Tatsächlich ist ein unnötiges Vertiefen in die Diskussion über Körper und Akzidenzien tadelnswert. Doch als sich Gruppierungen herausbildeten, die Allāh offen körperliche Eigenschaften zuschrieben, entstand die Notwendigkeit, ihre Irrtümer zu widerlegen.

Zweitens: In der Überlieferungskette dieser Aussage befindet sich ein unbekannter Erzähler – Tayyib ibn Ahmad, den der Autor des Werkes Dhamm al-Kalām erwähnt. Da seine Vertrauenswürdigkeit nicht belegt ist, ist diese Aussage nicht zuverlässig von Abū l-ʿAbbās as-Surayj überliefert.

Der Gegner sagt:

Auch sagte Imām Ibn Surayj:

لا نقول بتأويل المعتزلة والأشعرية و الجهمية والملحدة والمجسمة والمشبهة والكرامية والمكيفة

„Und wir (Ahl as-Sunna) sprechen nicht nach dem taʾwīl (Interpretation) der Muʿtazilah, der Ashʿarīyyah, der Jahmiyyah, der Atheisten, der Mujassimah, der Mushabbiha, der Karrāmīya und derjenigen, die Kayfīyyah (eine bestimmte Modalität) zuschreiben.“ ʿAqīda Ibn Surayj (S. 16)

Dieses Zitat enthält keine direkte Kritik an die Asha’irah oder Kullābiyah. Die Diskussion solcher Begriffe wie Akzidenzien und Körper ist kein alleiniges Merkmal der Asha’irah Gelehrten. Hat sich nicht auch Ibn Taymīyyah in seinen Schriften dieser Begriffe bedient? Frühe hanbalitische Theologen wie Qādī Abū Yaʿlā sowie bedeutende andalusische Gelehrte, darunter Ibn ʿAbd al-Barr, haben ebenfalls über Akzidenzien und Körper nachgedacht.

Antwort:

Zunächst einmal hat der Gegner die Worte des Imām Ibn Surayj nicht vollständig zitiert und auch nicht den ganzen Text wiedergegeben, in dem er Fragen des Glaubens behandelt. Seine Aussagen weisen klar darauf hin, dass Ibn Surayj dem Prinzip des tafweedh al-maʿnā folgte. Sehen wir uns die Aussagen von Abū l-ʿAbbās Ibn Surayj in voller Länge an.

Der Imām Abū l-ʿAbbās Ibn Surayj ash-Shāfiʿī (249–306 n.H.) (möge Allāh ihm barmherzig sein) sagt:

أقول وبالله التوفيق : حرام على العقول أن تُمثَّلَ الله ، وعلى الأوهام أن تحده، وعلى الظنون أن تقطع، وعلى الضَّمائر أن تعمق، وعلى النُّفوس أن تُفكِّرَ ، وعلى الأفكار أن تُحيط، وعلى الألباب أن تَصِفَ؛ إلا ما وصف به نفسه في كتابه، أو على لسان رسوله ﷺ. وقد صح وتقرَّرَ واتضحَ عند جميع أهل الديانة، والسُّنَّةِ والجماعة من السَّلفِ الماضِين، والصَّحابة والتابعين، وأتباع التابعين من الأئمة المهديين المرشدين المعروفين المشهورين إلى زماننا هذا : أن جميع الآي الواردة عن الله لا في ذاته وصفاته، والأخبار الصَّادِقة الصَّادِرة عن رسول الله في الله وفي صفاته، التي صححها أهل النقل وقبلها النقاد الأثبات: يجب على المرء المسلم المؤمِن الموقن الإيمان بكلِّ واحدٍ منه كما ورد، وتسليم أمره إلى الله سبحانه و تعالى كما أمر، وأن السؤال عن معانيها بدعة والجواب عن السؤال كفر وزندقة.

„Ich sage – und bei Allāh ist der Beistand: Verboten ist es für die Verstände, Allāh zu veranschaulichen; und für die Einbildungen, Ihm eine Grenze zu setzen; und für die Vermutungen, etwas endgültig festzulegen; und für die Gewissen, in die Tiefe zu gehen; und für die Seelen, nachzudenken; und für die Gedanken, (Ihn) zu umfassen; und für die Herzen, (Ihn) zu beschreiben – außer mit dem, womit Er Sich selbst beschrieben hat in Seinem Buch oder durch die Zunge Seines Gesandten ﷺ. Und es ist bestätigt, beschlossen und klar bei allen Leuten der Religion, den Anhängern der Sunna und der Gemeinschaft, von den früheren Salaf, den Gefährten, den Tabiʿīn und den Tabiʿ at-Tabiʿīn, von den rechtgeleiteten, vertrauenswürdigen Imāmen, die bekannt und berühmt sind bis zu unserer Zeit: dass alle Verse, die von Allāh über Sein Wesen und Seine Eigenschaften überliefert sind, und alle wahrhaftigen Nachrichten vom Gesandten Allāhs über Allāh und Seine Eigenschaften, die von den Überlieferern bestätigt und von den verlässlichen Kritikern angenommen wurden, dass es für jeden gläubigen, überzeugten Muslim verpflichtend ist, an jede einzelne so zu glauben, wie sie überliefert wurde, und ihre Angelegenheit Allāh, dem Erhabenen, zu überlassen, wie Er es befohlen hat. Die Frage nach ihren Bedeutungen ist ein Bidʿa (verwerfliche Neuerung), und die Antwort auf diese Frage ist Unglaube und Ketzerei.“ 

Diese Worte spiegeln das Prinzip des Tafweedh al-maʿnā wider.

Anschließend zählte Imām Ibn Surayj viele Qurʾānverse und Hadithe über die Eigenschaften Allāhs auf.

Dann sagte Abū l-ʿAbbās Ibn Surayj:

اعتقادنا فيه وفي الآي المتشابهة في القرآن : أن نقبلها، ولا تُردَّها ولا نتأوَّلها بتأويل المخالفين، ولا نحملها على تشبيه المُشبّهين، ولا نَزيدُ عليها، ولا تُنقِصُ منها، ولا نفسرها، ولا نُكيفها، ولا تُترجم عن صفاته بلغة غير العربية، ولا نشير إليها بخواطِرِ القلوب ولا بحركات الجوارح ، بل تطلق ما أطلقه الله ، ونُفسّر ما فسره النبي ﷺ وأصحابه والتابعون والأئمة المرضيُّون مِن السَّلف المعروفين بالدين والأمانة. ونجمع على ما أجمعوا عليه، ونمسك عما أمسكوا عنه، ، ونُسلّم الخبر لظاهِرَه، والآية لظاهر تنزيلها، لا نقول بتأويل: المعتزلة، والأشعرية، والجهمية والمُلحدة، والمُجسّمة، والمُشبِّهَةِ، والكرامية، والمكيفة بل تقبلها بلا تأويل، ونؤمِنُ بها بلا تمثيل. ونقول : الآية والخبر صحيحان والإيمان بها واجب، والقول بها سُنَّةٌ، وابتغاء تأويلها بدعَةٌ.

„Unser Glaube in Bezug auf sie (die Hadithe) und die mehrdeutigen Verse im Qurʾān besteht darin, dass wir sie annehmen, sie nicht zurückweisen und sie nicht deuten wie die Deutungen der Widersprechenden. Wir verstehen sie nicht wie die, die Gleichnisse ziehen; wir fügen ihnen nichts hinzu und nehmen nichts von ihnen weg; wir erklären sie nicht, wir geben ihnen keine Modalität (kayf), wir übersetzen Seine Eigenschaften nicht in eine andere Sprache als Arabisch, wir deuten nicht in unseren Herzen auf sie und weisen auch nicht mit den Gliedmaßen auf sie hin. Vielmehr lassen wir gelten, was Allāh gelten ließ, und deuten nur so, wie der Prophet ﷺ es deutete, ebenso seine Gefährten, die Tabiʿīn und die wohlgefälligen Imāme unter den Salaf, die für ihre Religiosität und Vertrauenswürdigkeit bekannt waren. Wir stimmen überein mit dem, worüber sie übereinstimmten, und enthalten uns dessen, wovon sie sich enthielten. Wir überlassen den Hadithen ihr äußeres Wortlaut und den Versen den äußeren Wortlaut ihrer Herabsendung. Wir folgen nicht der Deutung der Muʿtazilah, der Ashʿarīyyah, der Jahmiyyah, der Atheisten, der Mujassimah, der Mushabbiha, der Karrāmīyah und derjenigen, die Modalität zuschreiben. Vielmehr nehmen wir sie ohne Deutung an und glauben an sie ohne Gleichnis. Und wir sagen: Der Vers und die Überlieferung sind authentisch; an sie zu glauben ist verpflichtend; gemäß ihnen zu sprechen ist Sunna; und nach ihrer Deutung zu streben ist eine Neuerung.“

Die Aussagen Ibn Surayjs widersprechen grundlegend den Ansichten der Pseudo Salafiyyah. Sie betrachten ihre wörtliche Übersetzung in andere Sprachen als erlaubt und lehnen das Prinzip ab, ihre Bedeutung (tafweedh) Allāh zu überlassen, da sie dies als  Methodologie der Asha’irah bezeichnen. Darüber hinaus leugnen sie, dass die Hadithe über die Eigenschaften zu den mutashābihāt gehören, während Ibn Surayj sie eindeutig dieser Kategorie zuordnet. Seine Position entspricht vollständig dem Ansatz der führenden Gelehrten der Asha’irah. Doch der Gegner riss absichtlich nur den Teil aus dem Zusammenhang, in dem Ibn Surayj die Asha’irah kritisiert.

Weiterhin sei gesagt, dass das Wort „Ashʿarīyyah“ in der Aussage, die Imām Ibn Surayj (gest. 306 n.H.) zugeschrieben wird, eine spätere Hinzufügung eines oder mehrerer Fälscher ist. 

Imām al-Ashʿarī wurde im Jahr 260 n.H. geboren und starb im Jahr 324 oder um 330 n.H. Er verbrachte 40 Jahre seines Lebens im Muʿtazilismus. Wenn man also annimmt, dass er ab dem 10. Lebensjahr bis zum 50. Muʿtazili war, fand seine Reue etwa um das Jahr 310 n. H. statt.

Ibn Surayj starb im Jahr 306 n. H. – wie hätte er also über dessen Gruppe sprechen können, obwohl al-Ashʿarī zu diesem Zeitpunkt seine Umkehr noch nicht vollzogen hatte? Laut mehreren Historikern verbreitete sich der Ashʿarismus als Gruppierung erst in Irak um das Jahr 380 n.H. Wie hätte Ibn Surayj also über eine Gruppe namens „Ashʿarīyyah“ sprechen können, die zu seiner Zeit noch gar nicht existierte? Wie so oft bei Überlieferungen, die von bestimmten Strömungen bevorzugt werden, existiert auch von dieser Aussage Ibn Surayjs eine andere Version – ohne die Hinzufügung „Ashʿarīyyah“ .

Sechste Überlieferung: Imām Abū Hāmid ash-Sharikī

Der Gegner sagt:

Als Imām Abū Hāmid ash-Sharikī (gest. 355 n.H.) im Sterben lag, bat er darum, aufgerichtet zu werden, und begann mit letzter Kraft lauter Stimme die Kullābīya scharf zu tadeln. Siehe hierzu: Dhamm al-Kalām – al-Harawī (B. 4, S. 396).

Antwort:

Wir wissen nicht, was genau er an den Kullābīyah kritisierte. Außerdem ist es nicht gerade typisch für einen sterbenden Gelehrten, auf dem Totenbett eine Gruppe zu tadeln, was uns an der Zuverlässigkeit dieser Überlieferung zweifeln lässt. Besonders wenn man bedenkt, dass das Buch Dhamm al-Kalām viele fragwürdige und erfundene Geschichten enthält, vor allem in den Abschnitten, in denen die Kritik an den Asha’irah oder Kullabiyyah behandelt wird. Der Autor des Buches, Abū Ismāʿīl al-Harawī, erwähnt tatsächlich den Namen des Überlieferers dieser Geschichte nicht und sagt:

وسمعت الثقة وهو لي

„Ich hörte von einem vertrauenswürdigen Mann, der mir erzählte“, ohne den Überlieferer namentlich zu nennen. Dies weist auf die Unzuverlässigkeit der Überlieferung hin.

Siebte Überlieferung: Abū ʿAlī Ḥāmid ibn Muḥammad ibn ʿAbd Allāh Muḥammad ibn Muʿādh al-Harawī

Der Gegner sagt:

Abū ʿAlī Ḥāmid ibn Muḥammad ibn ʿAbd Allāh Muḥammad ibn Muʿādh al-Harawī (gest. 356 n. H.) sagte:

لعن الله الكلابية

„Möge Allah die Kullābīya verfluchen“. 

Dhamm al-Kalām – al-Harawī (B. 4, S. 395).

Antwort:

Der Autor des Buches Dhamm al-Kalām schreibt, nachdem er diese Geschichte angeführt hat:

وأشك أنه سمع منه اللعنة أم لا

„Ich zweifle daran, ob er von ihm tatsächlich diese Worte des Fluchens gehört hat oder nicht“.

Dhamm al-Kalām – al-Harawī (B. 4, S. 396)

Es geht um den Überlieferer Muḥammad ibn ʿAbbās ibn Muḥammad, von dem der Autor berichtet. Über ihn habe ich jedoch keinerlei Informationen gefunden. Dies weist auf die Unzuverlässigkeit dieser Überlieferung hin.

Achte Überlieferung: Imām Ibn Shaqla al-Hanbalī

Der Gegner sagt:

Imām Ibn Shaqla al-Ḥanbalī (gest. 369 n. H.) sagte in seiner Disputation mit dem Ash’ari ad-Dimashqī:

واليدين صفة للذات ولم يتقدمك بهذا أحد إلا عبد الله بن كلاب القطان الذي انتحلت مذهبه

„Die Yadayn ist ein Attribut des Wesens, und niemand ist dir in deinem Taʾwīl zuvor gekommen außer ʿAbdallāh ibn Kullāb al-Qaṭṭān, dessen Madhhab du übernommen hast“. 

Tabaqāt al-Hanābila – Ibn Abī Yaʿlā (B. 2, S. 132).

Antwort:

Erstens enthält dieses Zitat keine Kritik an Ibn Kullāb oder al-Aschʿarī. Höchstens kann man darin eine Ablehnung einer einzelnen Meinung Ibn Kullābs erkennen, was an sich weder im Rahmen der kullābitischen noch der aschʿaritischen Schule ein Problem darstellt.

Zweitens entspricht die Behauptung, Ibn Kullāb habe die Attribute sifat khabariyya interpretiert, nicht der Realität. Die zuverlässigere Position, die auch Ibn Taymiyya bestätigt, lautet, dass Ibn Kullāb diese Attribute ohne Interpretation akzeptierte. Siehe hierzu: Bayān talbīs al-Jahmiyya – Ibn Taymiyya (B. 2, S. 538).

Dies zeigt, dass das Verständnis des Madhhabs von Ibn Kullāb recht uneindeutig und problematisch war, und ihm verschiedene, teils widersprüchliche Ansichten zugeschrieben wurden.

Neunte Überlieferung: Imām Abū Hafs Ibn Shāhīn

Der Gegner sagt:

Imām Ibn ʿAbd al-Hādī Ibn al-Mibrad sagte über ihn:

كَانَ مُجَانِبًا لَهُمْ، وَرَأَيْتُ فِي مُصَنَّفَاتِهِ ذَمَّهُمْ

„Er hielt sich von den Asha’irah fern, und ich sah in seinen Schriften ihre Kritik“. Jamʿ al-Juyūsh wa ad-dasākir – Ibn Mibrad (B. 1, S. 151).

Antwort:

Ibn ʿAbd al-Hādī Ibn Mibrad zählte in seinem Buch Jamʿ al-Juyūsch wa-dasākir viele Gelehrte ohne Beweise zu den Gegnern des aschʿaritischen Madhhabs. Er stützte seine Aussagen nicht mit Argumenten, sondern seine Methode bestand darin, selbst Unbekannte (maǧāhīl) zu den Gegnern des Aschʿarismus zu erklären – manchmal sogar Aschʿariten selbst.

Dies weist darauf hin, dass die Hauptabsicht Ibn Mibrads lediglich darin bestand, Namen aufzuzählen und deren Ablehnung des Ashʿarismus zu behaupten, ohne sich die Mühe zu machen, Belege vorzubringen.

So auch, wenn er Abū Ḥafṣ Ibn Shāhīn die Kritik an den Asha’irah zuschreibt: Er bringt keine konkreten Zitate, gibt nicht an, in welchen Schriften diese Kritik enthalten sei, und lässt die entscheidenden Details unerwähnt. Aufgrund dieser Haltlosigkeit verdienen solche Aussagen kein Vertrauen.

Zehnte Überlieferung: Imam Ibn Batta al-Ukbari

Der Gegner sagt:

Imam Ibn Batta sagte:

وكل العلماء يقولون فيمن سميناه إنهم أئمة الكفر ورؤساء الضلالة

„Und alle Gelehrten sagen über diejenigen, die wir genannt haben, dass sie Imame des Kufr und Führer des Irrweges sind.“

Antwort:

Diese Worte betreffen nicht Ibn Kullab, denn Ibn Batta sagte dies, nachdem er die Namen der direkten Anhänger der Jahmiya und Muʿtazila aufgezählt hatte, unter denen Ibn Kullab nicht erwähnt wird.

Imam Ibn Batta schreibt:

من أتباعه وأشياعه بشر المريسي، والـمـردار، وأبو بكر الأصم، وإبراهيم بن إسماعيل ابن علية، وابن أبي دؤاد، وبرغوث، وربالويه، والأرمني، وجعفر الحذاء، وأبو شعيب الحجام، وحسن العطار، وسهل الخراز، وأبو لقمان الكافر، في جماعة سواهم من الضلال. وكل العلماء يقولون فيمن سميناه إنهم أئمة الكفر ورؤساء الضلالة

„Und zu seinen (Jahm ibn Safwan) Anhängern und Gefolgsleuten gehören: Bishr al-Marisi, al-Murdar, Abu Bakr al-Asamm, Ibrahim ibn Ismail ibn Ulayya, Ibn Abi Duad, Barguth, Ribaluwayh, al-Armani, Jaafar al-Hazza, Abu Schuayb al-Hajjamm, Hasan al-Attar, Sahl al-Kharraz, Abu Luqman al-Kafir sowie eine Gruppe anderer Irregegangener. Und alle Gelehrten sagen über diejenigen, die wir genannt haben, dass sie Imame des Kufr und Führer des Irrweges sind.“

Ibn Batta spricht also von jenen, die er oben erwähnt hat, und unter ihnen ist Ibn Kullab nicht genannt. Die Verwendung dieses Zitats im Zusammenhang mit Kritik an Ibn Kullab ist daher eine Verdrehung seitens des Gegners.

Der Gegner sagt:

وَمِنْ خُبَثَائِهِمْ وَمَنْ يَظْهَرُ فِي كَلَامِهِ الذَّبُّ عَنِ السُّنَّةِ وَالنُّصْرَةُ لَهَا وَقَوْلُهُ أَخْبَثُ الْقَوْلِ: ابْنُ كُلَّابٍ وَحُسَيْنٌ النَّجَّارُ وَأَبُو بَكْرٍ الْأَصَم

Dann sagte er: „Zu den Niederträchtigen unter ihnen und zu denen, die in ihren Worten nach außen hin Verteidigung und Unterstützung der Sunna zeigen, während ihr Wort doch das verabscheuungswürdigste aller Worte ist, gehören: Ibn Kullab, Husayn an-Najjar und Abu Bakr al-Asamm…“ al-Ibāna as-sughrā – Ibn Batta (S. 287)

Antwort:

Erstens: Unser Gegner hat dieses Zitat falsch und unvollständig übersetzt. Denn Ibn Batta sagt nicht, dass sie sich fälschlich zur Sunna zählten, sondern dass sie nach außen hin in ihren Worten die Sunna verteidigten und unterstützten, während sie gleichzeitig verabscheuungswürdige Worte äußerten – offenbar im Bezug auf das, was sie äußerlich zeigten. Damit erkennt Ibn Batta an, dass Ibn Kullab nach außen hin auf der Sunna war und sie verteidigte, auch wenn Ibn Batta Vorbehalte gegen einige Aspekte seiner Ansichten hatte.

Zweitens: In derselben Liste erwähnt Ibn Batta auch Ibrahim ibn Ismail ibn Ulayya – einen zuverlässigen Überlieferer. Unser Gegner hat das Zitat jedoch nicht vollständig wiedergegeben: Nach der Nennung von Abu Bakr al-Asamm nennt Ibn Batta auch Ibn Ulayya, doch unser Gegner ließ diesen Teil in seiner Übersetzung aus. Tatsächlich war Ibn Ulayya Lehrer von Yahya ibn Maʿin, Ahmad ibn Hanbal und vielen anderen frommen Altvorderen. Es ist nicht bekannt, dass man ihn je des Kufr oder des Irrwegs beschuldigt hätte, wie es Ibn Batta sagt.

Überliefert wird jedoch eine Begebenheit, dass er sich in einigen Formulierungen irrte, und die Leute ihm eine Meinung zuschrieben, die er nicht vertrat – nämlich, dass der Quran erschaffen sei. Al-Khatib al-Baghdadi berichtet, dass der Vorwurf gegen Ibn Ulayya mit seiner Äußerung über den Quran zusammenhing. Er wurde vor den Kalifen Muhammad ibn Harun (al-Amin) gebracht, und dieser schalt ihn heftig.

Daraufhin erklärte Ismail: „Ich habe mich geirrt.“

Und der Grund war, dass er folgenden Hadith überlieferte: 

تجيء البقرة وآل عمران كأنهما غمامتان تحاجان عن صاحبهما

„Die Sura al-Baqara und die Sura Al-Imran werden am Jüngsten Tag kommen wie zwei Wolken und für ihren Träger/Fürsprecher eintreten.“ 

Man fragte ihn: „Haben sie etwa eine Zunge?“ Er antwortete: „Ja.“ Da sagten die Leute: „Er behauptet, dass der Quran erschaffen sei!“ 

In Wirklichkeit aber hatte er sich nur in seinen Formulierungen geirrt. Siehe hierzu: Siyar aʿlām an-nubalāʾ – adh-Dhahabī

Obwohl Ibn Ulayya also nur eine fehlerhafte Aussage machte, ohne die Jahmitische Überzeugung von der Erschaffenheit des Quran zu teilen, rechnete Ibn Batta ihn zu jenen, denen angeblich alle Gelehrten einmütig den Takfir sprachen, und zu denen, die nur äußerlich Zugehörigkeit zur Sunna zeigten. Doch Ibn Ulayya war ein großer Muhaddith, Imam, Mufti und zuverlässiger Hadith-Überlieferer, bei dem sogar Imam Ahmad zehn Jahre lang lernte. Dies zeigt, dass Ibn Batta die Stellung Ibn Ulayyas nicht richtig erfasst hat.

Wenn er sich in Bezug auf Ibn Ulayya so geirrt hat, was soll man dann von seiner Kritik an Ibn Kullab sagen, dessen Persönlichkeit und Überzeugungen noch viel komplexer zu beurteilen waren? Offensichtlich hat Ibn Batta auch die Lage Ibn Kullabs nicht gründlich untersucht.

Deshalb akzeptieren wir seine fehlerhaften Anschuldigungen weder gegen Ibn Ulayya noch gegen Ibn Kullab, da klar erkennbar ist, dass er keine ausreichende Prüfung vorgenommen und vorschnell geurteilt hat.

Doch wir sagen zu unserem Gegner: Wenn ihr seine Verurteilung Ibn Kullabs akzeptiert, dann seid konsequent und akzeptiert auch seine Verurteilung Ibn Ulayyas. Möge Allah sich ihrer erbarmen



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