Die glaubenslehre der Ahlu Sunnah

Die Asha'irah und Maturidiyyah


Klarstellung gegenüber den Behauptungen über die Ashaʿirah – Teil 1

In diesem Beitrag werden wir auf eine Schrift mit dem Titel „Die Gelehrten über die Sekte der Asha’irah“ eingehen. In seiner Schrift widmete der Widersacher seine Aufmerksamkeit der Sammlung von Zitaten von Gelehrten, die seiner Ansicht nach die Rechtsschule der „Kullabiyyah“ und „Asha’irah“ diskreditieren. 

Unser Ziel besteht darin, die angeführten Zitate nacheinander zu betrachten, die Aussagen der Gelehrten, auf die sich der Autor beruft, zu bewerten sowie die Fehler und Verzerrungen aufzudecken, die in dieser Arbeit begangen wurden.

Das erste Zitat: Kritik von Ahmad ibn Hanbal

Der Gegner sagt:

Abu Ali as-Sakafi sagte zu Ibn Khuzayma:

ما الذي أنكرت أيها الأستاذ من مذاهبنا حتى نرجع عنه؟

„Sage uns, was du in unserer Rechtsschule tadelst, damit wir davon zurücktreten?“

Imam Ibn Khuzayma antwortete:

ميلكم إلى مذهب الكلابية، فقد كان أحمد بن حنبل من أشد الناس على عبد الله بن سعيد بن كلاب، وعلى أصحابه مثل الحارث وغيره

„Eure Neigung zur Rechtsschule der Kullabiyyah – denn Ahmad ibn Hanbal war einer derjenigen, die sich am stärksten gegen Abdullah ibn Saʿid ibn Kullab und seine Gefährten wie al-Harith und andere stellten.“ „As-Siyar“ (14/380).

Antwort: Unser Gegner verweist in seiner Arbeit wiederholt auf die Kritik an Ibn Kullab. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, bevor wir zur Besprechung der Zitate selbst übergehen, eine Einführung zu geben, in der wir erörtern, wer Ibn Kullab war, wofür er kritisiert wurde, ob alle Gelehrten ihn kritisierten, sowie die Frage, inwiefern es überhaupt korrekt ist, die Kritik an Ibn Kullab als Argument gegen den Ash’arismus zu verwenden.

Ibn Kullab – Er ist Abu Muhammad Abdullah ibn Saʿid al-Qattan, besser bekannt als Ibn Kullab (gest. 241 n. H.) – der führende islamische Theologe (Mutakallim) aus Basra. Er war bekannt für seine Teilnahme an Diskussionen, die er zur Verteidigung der Glaubensüberzeugungen der Hadithanhänger in den Fragen der Attribute Allahs und der Unerschaffenheit des Korans führte. Die „Kullabiyyah Schule“ entstand de facto aus der Notwendigkeit einer rationalen Verteidigung der sunnitischen Glaubensüberzeugungen in der Zeit der starken Aktivität der Muʿtaziliten.

Ein wesentlicher Teil der Tätigkeit Ibn Kullabs bestand in der Polemik mit den Muʿtazilah, Karramiyyah, Rawafidh und Jahmiyyah. Seine Schule spielte eine bedeutende, starke und mutige Rolle bei der Widerlegung der Erneuerer, die Kullabiyyah diskutierten sogar in den eigenen Kreisen und Versammlungen der Muʿtazilah, ungeachtet der Tatsache, dass eine Diskussion mit den Muʿtazilah in der Zeit ihrer politischen Macht zu ernsten Problemen führen konnte. Bekannt ist, dass der Kalif al-Maʾmun, während dessen Herrschaft die wissenschaftliche Tätigkeit Ibn Kullabs stattfand, fanatisch dem Muʿtazilismus anhing und versuchte, diese Ansichten dem Volk aufzuzwingen, wobei er sogar Gewalt zu deren Durchsetzung einsetzte.

Eine der Folgen davon waren die Folterungen und Verfolgungen, denen Imam Ahmad ibn Hanbal (gest. 241 n. H.) ausgesetzt war, weil er sich weigerte, die Erschaffenheit des Korans anzuerkennen. Die Muʿtazilah gelangten aufgrund ihrer Nähe zum Hof al-Maʾmuns zu hohen Staatsämtern. Ihr Rationalismus gefiel dem Kalifen, weshalb bedeutende Muʿtaziliten wie Ibn Abi Duʿad die Sitzungen des Kalifen leiteten. Die Muʿtazilah brachten pseudo-rationale Argumente zur Verteidigung ihrer Ansichten vor und warfen den Sunniten dabei polemische Schwäche vor. Um die Fehlerhaftigkeit ihrer Argumente zu entlarven, die Wahrheit zu verbreiten und eine würdige Antwort auf ihre Angriffe zu geben, waren Gelehrte erforderlich, die mit den rationalen Wissenschaften vertraut waren. Ein solcher Gelehrter war Ibn Kullab zusammen mit seinen Gefährten, die „Kullabiyyah“ genannt wurden. Gerade Ibn Kullab war es, der durch rationale Beweise die Position der Hadithgelehrten stärken konnte. Er entlarvte nicht nur die Schwäche ihrer Argumente, sondern entwickelte auch überzeugende rationale Beweise zur Verteidigung der Überzeugungen der Hadithanhänger.

Hafiz Ibn ʿAsakir (gest. 571 n. H.) – möge Allah sich seiner erbarmen – schreibt in Tabyin Kadhib al-Muftari“, S. 116:

أعظم مَا كَانَت المحنة يَعْنِي الْمُعْتَزلَة زمن الْمَأْمُون والمعتصم فتورع من مجادلتهم أَحْمد بن حَنْبَل رَضِيَ اللَّهُ عَنْهُ فموهوا بذلك على الْمُلُوك وقَالُوا لَهُم إِنَّهُم يعنون أهل السّنة يفرون من المنَاظرة لما يعلمونه من ضعفهم عَن نصْرَة الْبَاطِل وَأَنَّهُمْ لَا حجَّة بأيدهم وشنعوا بذلك عَلَيْهِم حَتَّى امتحن فِي زمانهم أَحْمد ابْن حَنْبَل وَغَيره فَأخذ النَّاس حِينَئِذٍ بالْقَوْل بِخلق الْقُرْآن حَتَّى مَا كَانَ تقبل شَهَادَة شَاهد وَلَا يستقضي قَاض وَلَا يُفْتِي مفت لَا يَقُول بِخلق الْقُرْآن وَكَانَ فِي ذَلِك الْوَقْت من الْمُتَكَلِّمين جمَاعَة كَعبد الْعَزِيزِ الْمَكِّيّ والْحَارث المحاسبي وعَبْد اللَّهِ بن كلاب وَجَمَاعَة غَيرهم وَكَانُوا أولي زهد وتقشف لم يرَوا اُحْدُ مِنْهُم أَن يطَأ لأهل الْبدع بساطًا وَلَا أَن يداخلهم فَكَانُوا يردون عَلَيْهِم ويؤلفون الْكتب فِي إدحاض حججهم

„Am größten war die Macht der Muʿtazilah zur Zeit von al-Maʾmun und al-Muʿtasim. Ahmad ibn Hanbal – möge Allah mit ihm zufrieden sein – enthielt sich der Debatten mit ihnen, doch sie nutzten dies gegen ihn aus, indem sie den Herrschern sagten, dass die Sunniten Diskussionen mieden, weil sie um die Schwäche ihrer Argumente wüssten und außerstande seien, das Falsche zu verteidigen, und dass sie keine Beweise in der Hand hätten. Damit hetzten sie gegen sie, bis es zur Prüfung in den Zeiten von Ahmad ibn Hanbal und anderen kam. Die Menschen wurden gezwungen, an die Erschaffenheit des Korans zu glauben, sodass selbst Zeugnisse nicht mehr akzeptiert wurden, Richter nicht mehr ernannt wurden und ein Mufti keine Fatwa geben durfte, wenn er nicht die Erschaffenheit des Korans bejahte. In jener Zeit gab es unter den Mutakallimun eine Gruppe, wie ʿAbd al-ʿAziz al-Makki, al-Harith al-Muhasibi, ʿAbdullah ibn Kullab und andere. Sie waren Leute der Frömmigkeit und der Enthaltsamkeit. Keiner von ihnen hielt es für erlaubt, den Erneuerern zu dienen oder mit ihnen zu verkehren. Vielmehr widerlegten sie deren Irrtümer und verfassten Bücher zur Entkräftung ihrer Argumente.“

Imam Ahmad und andere Zeitgenossen Ibn Kullābs aus den Reihen der Sunniten mieden es bewusst, sich in ʿIlm al-Kalām zu vertiefen. Unter solchen Umständen lastete die Hauptschwere des Widerstandes gegen die Muʿtazilah auf den Schultern Ibn Kullābs. Dieses mutige Merkmal Ibn Kullābs war so glänzend, dass es selbst Ibn Taymiyya nicht unbeachtet ließ, der den hohen Beitrag Ibn Kullābs im Kampf gegen die Muʿtazilah und die Jahmiyyah hervorhob.

Ibn Taymiyya (gest. 728 n.H.) sagte, indem er über die Polemik Ibn Kullābs mit den Jahmiyyah und den Muʿtazilah sprach:

وَكَانَ مِمَّنِ انْتَدَبَ لِلرَّدِّ عَلَيْهِمْ أَبُو مُحَمَّدٍ عَبْدُ اللَّهِ بْنُ سَعِيدِ بْنِ كُلَّابٍ وَكَانَ لَهُ فَضْلٌ وَعِلْمٌ وَدِينٌ

„Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn Saʿīd ibn Kullāb war einer von denen, die sich für das Widerlegen von ihnen (den Muʿtazilah) erhob. Er besaß Wissen, Tugend und Religion.“ Majmūʿ al-Fatāwā“ (5/555)

Eine zusätzliche Ungerechtigkeit, mit der die Mutakallimūn konfrontiert waren, war die Voreingenommenheit der Gegner, die häufig falsche Anschuldigungen über sie verbreiteten. Auch Ibn Kullāb entging diesem Schicksal nicht, die Muʿtazilah verbreiteten die Behauptung, er habe insgeheim im Interesse des Christentums gehandelt. Einige Hanbaliten übernahmen diese muʿtazilitischen Verleumdungen und begannen, sie in ihren Büchern zu verbreiten. Viele Gelehrte jedoch wiesen solche Anschuldigungen gegen ihn einstimmig zurück.

Ibn Taymiyya (gest. 728 n.H.) erklärte:

وَمَنْ قَالَ إِنَّهُ ابْتَدَعَ مَا ابْتَدَعَهُ لِيُظْهِرَ دِينَ النَّصَارَى فِي الْمُسْلِمِينَ كَمَا يَذْكُرُهُ طَائِفَةٌ فِي مَثَالِبِهِ وَيَذْكُرُونَ أَنَّهُ أَوْصَى أُخْتَهُ بِذَلِكَ فَهَذَا كَذِبٌ عَلَيْهِ وَإِنَّمَا افْتَرَى هَذَا عَلَيْهِ الْمُعْتَزِلَةُ وَالْجَهْمِيَّةُ الَّذِينَ رَدَّ عَلَيْهِمْ

„Und was jene betrifft, die behaupten, Ibn Kullāb habe seine Neuerungen eingeführt, um unter den Muslimen die Religion der Christen erscheinen zu lassen, wie es eine Gruppe in seinen Tadelpunkten erwähnt, und sie berichten, er habe dies seiner Schwester als Vermächtnis aufgetragen, so ist dies eine Lüge über ihn. Vielmehr waren es die Muʿtazilah und die Jahmiyyah, die er widerlegte, die diese Verleumdung über ihn erfanden.“ Majmūʿ al-Fatāwā“ (5/555)

Tāj ad-Dīn as-Subkī verteidigten ebenfalls Ibn Kullāb.

Imam Tāj ad-Dīn as-Subkī (gest. 771 n.H.) (möge Allah sich seiner erbarmen) schreibt:

وأما محمد بن اسحاق النديم فقد كان فيما أحسب معتزليا وله بعض المسيس بصناعة الكلام ، وعباد بن سليمان من رؤوس الاعتزال فإنما يذكر ما يذكره تشنيعاً على ابن كلاب وابن كلاب على كل حال من أهل السنة في أن صفات الذات ليست هي الذات ولا غيرها

„Was nun Muhammad an-Nadīm betrifft, so war er, wie ich meine, ein Muʿtazilit und hatte eine gewisse Verbindung zur Wissenschaft des Kalām. ʿAbbād ibn Sulaymān wiederum war einer der Führer des Muʿtazilismus. Das, was sie in Bezug auf Ibn Kullāb erwähnen, ist lediglich eine Verleumdung gegen ihn. Ibn Kullāb jedoch gehörte in jedem Fall zu den Leuten der Sunnah, darin, dass die Attribute des göttlichen Wesens weder die Wesenheit selbst noch etwas von ihr Verschiedenes sind.“ Tabaqāt ash-Shāfiʿiyya al-kubrā“ (2/300).

Auf diese Weise rief Ibn Kullāb Aufruhr unter den Muʿtazilah hervor durch sein mutiges Entgegentreten ihren logischen Argumenten. Jedoch, wie ersichtlich, erzürnte er nicht nur die Muʿtazilah, sondern auch einige Hadithanhänger aus den Reihen der Hanabilah, besonders durch seine Hinwendung zur Wissenschaft des Kalām, die Ibn Kullāb als lebensnotwendig erachtete für die Bewahrung und Unterstützung der Rechtsschule der Hadithanhänger angesichts der radikalen Rationalisten, der Muʿtazilah. Wir sehen, dass Imam Ahmad ibn Hanbal seine Anhänger davor warnte, mit Ibn Kullāb und seinen Schülern Umgang zu pflegen.

Der Zorn von Imam Ahmad gegenüber Ibn Kullāb unterschied sich wesentlich von dem Zorn gegenüber den Muʿtazilah. Während jene Ibn Kullāb mit Verleumdungen überzogen, da sie unter der Stärke seiner Widerlegungen litten, hatte der Zorn von Imam Ahmad eine andere Natur. Seine Kritik entsprang nicht aus der Verschiedenheit der Ziele (denn sowohl Imam Ahmad als auch Ibn Kullāb trachteten danach, die Sunnah zu verteidigen), sondern war verursacht durch die Ablehnung jener rationalen Methoden, die Ibn Kullāb wählte, um dieses Ziel zu erreichen.

Man kann sagen, dass Ibn Kullāb für seine Zeit eine neue Methode der Widerlegung vorschlug, in der er versuchte, die textuellen Beweise der Sharia mit rationalen Beweisen zu verbinden, mit dem Ziel, die Rechtsschule der ahl al-hadīth zu verteidigen. Um den Grund zu verstehen, der Ibn Kullāb dazu bewegte, muss man sich in die Ereignisse und Herausforderungen seiner Epoche hineinversetzen. Zu jener Zeit stellten die Muʿtazilah die größte Gefahr dar und waren die aggressivsten gegenüber den Anhängern der Sunnah. Das Erscheinen von Menschen wie Ibn Kullāb und seinen Gefährten mit ihren neuen Methoden wurde zu einer Notwendigkeit, um dem Strom des Muʿtazilismus entgegenzutreten.

Ibn Kullāb beschloss fest, dass man sich nicht allein auf die Texte der Scharia beschränken könne, besonders nachdem er sah, dass die Muʿtazilah viele Scharia Texte auf der Grundlage des Verstandes zurückwiesen. Die Kullabiyyah sahen nichts Verwerfliches darin, richtige rationale Argumente zu gebrauchen, um die Irrenden zu entlarven. Jedoch, im Unterschied zu den Muʿtazilah, stellten die Kullabiyyah die Vernunft nicht über den Scharia Text, und im Unterschied zu anderen Anhängern der ahl al-hadīth mieden sie nicht kategorisch das Eintauchen in rationale Fragen. Auf diese Weise vermochten die Kullabiyyah in ihrer Verteidigung der sunnitischen Überzeugungen, Scharia Text und Vernunft zu verbinden. Wahrscheinlich war es gerade dies, was solch angesehene Gelehrte wie al-Khatib al-Baghdādī und Ibn Taymiyya dazu veranlasste, die Kullabiyyah „Mutakallimūn aus den Reihen der Hadithanhänger“ zu nennen.

Imām Abū ʿAlī Husayn ibn ʿAlī ibn Yazīd al-Karābīsī al-Baghdādī ash-Shāfiʿī (gest. 248 n. H.) war ein schafiitischer Rechtsgelehrter, Muhaddith und Theologe (Mutakallim), einer der Schüler von Imām ash-Shāfiʿī und ein Anhänger von Ibn Kullāb. Auch er hatte einen Konflikt mit Imām Ahmad in der Frage nach der Erschaffenheit der „Rezitation“ des Qurʾān. Hāfiz Ibn ʿAbd al-Barr berichtet, dass Husayn al-Karābīsī und Imām Ahmad eng befreundet waren, bis sie sich in der Frage der Rezitation des Qurʾān zerstritten. Siehe hierzu: al-Intiqāʾ, Ibn ʿAbd al-Barr, S. 106.

Wahrscheinlich war es gerade die Hinwendung Ibn Kullābs zu neuen Methoden, in denen er  rationale und Text Beweise in Einklang brachte, die zum Grund der scharfen Kritik von Imam Ahmad in Richtung Ibn Kullāb und seiner Gefährten wurde. Darauf weist Shaykh Muhammad Zāhid al-Kawtharī hin.

Shaykh Muhammad Zāhid al-Kawtharī (gest. 1371 n.H.) (möge Allah sich seiner erbarmen) schreibt:

أما كلام أحمد في إبن كلاب وصاحبه فلكراهته الخوض في الكلام وتورعه منه ولكن الحق أن الخوض فيه عند الحاجة متعين على خلاف ما يرتئيه أحمد واما كلام إبن خزيمة فيه فقول لا محصول له يدل عليه ما جرى له مع اصحابه وقد بسطناه في تحذير الخلف واما قول بعض النصارى والمعتزلة والحشوية كالهروي وغيره في حق إبن كلاب فما لا يعرج عليه اولوا الالباب وليس يوجد من يعزو اليه بدعة كما يقول إبن أبي زيد

„Was die Worte Ahmads über Ibn Kullāb und seinen Gefährten betrifft, so (rührte dies) von seiner Abneigung gegen das Eintauchen in den Kalām und seiner Vorsicht davor her. Doch die Wahrheit ist, dass das Eintauchen darin im Bedarfsfall verpflichtend ist, im Gegensatz zu dem, was Ahmad meinte. Was die Worte Ibn Khuzaymas über ihn betrifft, so sind es haltlose Worte, worauf das hinweist, was sich mit seinen Gefährten ereignete; und wir haben dies ausführlich behandelt in ‚Tahdhīr al-Khalaf‘. Was jedoch die Aussagen einiger Christen, der Muʿtazilah und der Haschawiyya wie al-Harawī und anderer über Ibn Kullāb betrifft, so achten vernünftige Menschen nicht darauf. Und es gibt niemanden, der ihm eine Neuerung zuschreibt, wie es Ibn Abī Zayd sagt.“ 

Man kann nicht behaupten, dass Imam Ahmad eindeutig im Recht war, als er Ibn Kullāb für die Verwendung des Kalām kritisierte.

Imam Hārith ibn Asad al-Muhāsibī (gest. 243 H.) war einer der bekannten Schüler Ibn Kullābs. Es ist bekannt, dass Hārith al-Muhāsibī einen bestimmten Konflikt mit Imam Ahmad hatte, worauf – wie in dem oben angeführten Zitat unseres Gegners – auch Ibn Khuzayma hinweist. Nach dem Zeugnis von Gelehrten, die das Wesen dieses Konflikts ausführlich behandelt haben, kritisierte Imam Ahmad Hārith wegen des ʿIlm al-Kalām, wofür, wie angemerkt wird, auch Ibn Kullāb getadelt wurde.

al-Khatīb al-Baghdādī (gest. 463 n.H.) (möge Allah sich seiner erbarmen) schreibt:

قلت: وكان أحمد بن حنبل يكره لحارث نظره في الكلام وتصانيفه الكتب فيه، ويصد الناس عنه

„Ahmad ibn Hanbal missbilligte bei Hārith sein Befassen mit dem Kalām und sein verfassen von Büchern darüber, und er hielt die Leute von ihm zurück.“ Tārīkh Baghdād, al-Baghdādī (9/109).

Imam Tāj ad-Dīn as-Subkī schreibt:

وكان الحارث قد تكلم فى شيء من مسائل الكلام. قال أبو القاسم النصراباذى بلغنى أن أحمد ابن حنبل هجره بهذا السبب. قلت والظن بالحارث أنه إنما تكلم حين دعت الحاجة ولكل مقصد والله يرحمهما

„Hārith sprach über einige Fragen des Kalām. Abū l-Qāsim an-Nasrabādhī sagte, es sei ihm zu Ohren gekommen, dass Ahmad ibn Hanbal ihn aus diesem Grund mied. Ich aber sage: Die Vermutung über Hārith ist, dass er nur sprach, als die Notwendigkeit es erforderte, und jeder hatte sein eigenes Ziel. Allah erbarme sich ihrer beiden.“ Tabaqāt ash-Shāfiʿiyya al-kubrā, as-Subkī (2/278).

Trotz ihres Konflikts wird eine interessante Geschichte berichtet, die sich zwischen ihnen ereignete. Ismāʿīl as-Sarrāj erzählte, dass Ahmad ibn Hanbal eines Tages zu ihm sagte:

„Ich habe gehört, dass Hārith oft bei dir ist. Es wäre gut, wenn du ihn zu dir bringen und mich an einem Ort setzen würdest, wo er mich nicht sieht, damit ich seine Rede hören kann.“

Ismāʿīl erfüllte die Bitte Ahmads. Als Hārith mit seinen Gefährten kam, war Imam Ahmad bereits in einem der Zimmer und vertiefte sich ins Gedenken (dhikr). Ismāʿīl berichtet:

„Hārith betete mit seinen Gefährten, danach setzten sich alle vor ihn und blieben bis ungefähr zur Mitte der Nacht ohne zu sprechen sitzen. Dann begann ein Mann zu reden und stellte Hārith eine Frage. Dieser begann zu sprechen, und seine Gefährten hörten ihm so aufmerksam zu, als säßen Vögel auf ihren Köpfen: einige von ihnen weinten, andere stießen klagende Laute aus. Hārith setzte seine Rede fort, und ich begab mich zu Ahmad, um nach ihm zu sehen, und stellte fest, dass er vor lauter Weinen (aufgrund der Rede von Hārith) das Bewusstsein verloren hatte. Ich kehrte zurück, und sie blieben in diesem Zustand bis zum Morgen. Am Morgen ging ich zu Ahmad hinauf, und er sagte zu mir: ‚Ich glaube nicht, dass ich jemals Menschen wie sie gesehen oder jemals in der Wissenschaft über die Wahrheit etwas gehört habe, das den Worten dieses Mannes ähnelt – aber dennoch halte ich es nicht für richtig, dass du mit ihnen bist.‘“  Tārīkh Baghdād, al-Baghdādī (9/109); Tabaqāt ash-Shāfiʿiyya al-kubrā, as-Subkī (2/278).

Trotz seiner grundsätzlichen Kritik an Hārith al-Muhāsibī rechnete Imām Ahmad ihn nicht zur Kategorie der Neuerer (Mubtadiʿa), die gemäß der Methodologie der rechtschaffenen Altvorderen völlig zu ignorieren und zu meiden sind. Diese Begebenheit dient als Beweis dafür, dass Imām Ahmad seine Versammlungen besuchte und bereit war, Nutzen daraus zu ziehen. Wäre Hārith al-Muhāsibī in seinen Augen ein Anhänger verderblicher Neuerungen gewesen, die eine vollständige Zurückweisung erfordern, so hätte Ahmad ibn Hanbal ihn niemals angehört. Somit befanden sich ihre Beziehungen – trotz aller Komplexität und Meinungsverschiedenheiten – auf einer anderen Ebene als der absoluten Kritik. Eine ähnliche Situation findet sich bei der Kritik des Imām Ahmad gegenüber Husayn al-Karābīsī.

Dieser Vorfall mit Husayn al-Karābīsī ist wohl der einzige konkretisierte Fall einer Kritik seitens Imām Ahmad an den „Kullabiyyah“. Wie bereits angemerkt, richtete sich seine Kritik nicht gegen die endgültigen Schlussfolgerungen al-Karābīsīs (die letztlich mit den Grundlagen von Ahl as-Sunna übereinstimmten), sondern gegen die von ihm angewandte rationale Methode. Imām Ahmad kritisierte beide kontroversen Formulierungen dieser Frage, da sie das Produkt theologischer Überlegungen waren: sowohl die Behauptung von der Erschaffenheit der Rezitation des Qurʾān als auch die Verneinung ihrer Erschaffenheit.

Es wird berichtet, dass, als man Husayn al-Karābīsī mitteilte, Imām Ahmad kritisiere seine These von der Erschaffenheit der Rezitation, al-Karābīsī seine These änderte und sagte: „Meine Rezitation des Qurʾān ist unerschaffen.“ Als er jedoch erfuhr, dass die Kritik von Imām Ahmad nicht nachließ, rief er verärgert aus: „Was will dieser kleine Junge?!“ Gegenstand der Kritik von Imām Ahmad war also nicht das konkrete Ergebnis, zu dem al-Karābīsī kam, sondern der Rationalismus, den er – aus seiner Sicht – auf unzulässige Weise einsetzte.

Imām Ahmad hatte selbstverständlich das Recht auf seine eigene Meinung in dieser Frage. Doch wenn etwas für Imām Ahmad inakzeptabel war, bedeutet das keineswegs, dass es nun notwendigerweise für alle anderen inakzeptabel sein muss. Wir können eine Meinung nicht ablehnen oder einen Gelehrten meiden, nur weil Imām Ahmad mit ihm nicht übereinstimmte und ihn kritisierte. Wir respektieren diesen großen Gelehrten zutiefst, betrachten ihn jedoch nicht als unfehlbar und frei von Irrtum in allen seinen Urteilen. Darin liegt unser Unterschied zu den Pseudo Salafiyyah: Unsere Haltung zu Imām Ahmad ist vernünftig und ausgewogen, während die Pseudo Salafiyyah ihn oft so sehr erhöhen, dass sie seine Worte ohne jede Kritik als absolute Wahrheit annehmen – als hätte er einen besonderen Status von Heiligkeit und Unfehlbarkeit. Hätte Imām Ahmad gesehen, dass seine Worte zu einem absoluten Wahrheitsmaßstab gemacht wurden, wäre er der Erste gewesen, dies zu verurteilen. Denn er selbst hielt an dem Prinzip fest, dass jede Aussage – sei sie von ihm selbst oder von jemand anderem – nur auf Grundlage eines Beweises angenommen oder zurückgewiesen wird. Daran erinnert zu Recht Shaykh Salāhuddīn al-Idlibī in seiner Kritik an Shaykh Safar al-Hawālī.

Shaykh Salāhuddīn al-Idlibī (möge Allah ihn bewahren) schreibt:

فتراه يكتفي بأن يقول : بدع الإمام أحمد ابنَ كُلاب وأمر بهجره » ، ولا داعي عنده بعد هذا إلى النظر في حال ابن كلاب وأقواله في العقيدة وعرضها على الكتاب والشنة ليرى مدى التوافق أو التخالف ، ولا داعي عنده بعد هذا إلى النظر في أقوال سائر الأئمة في الرجل

„Und so begnügt er sich (Safar al-Hawali) mit den Worten: ‚Imam Ahmad erklärte Ibn Kullāb zum Neuerer und befahl, ihn zu meiden‘. Danach sieht er keinerlei Notwendigkeit mehr, den Standpunkt Ibn Kullābs, seine Aussagen in Fragen der ʿAqīda zu untersuchen und diese mit Qur’an und Sunna zu vergleichen, um zu sehen, inwieweit sie übereinstimmen oder widersprechen. Ebenso wenig sieht er danach irgendeine Notwendigkeit, die Aussagen anderer Imame über diesen Mann zu betrachten.“ ʿAqāʾid al-Ashāʿirah fī hiwār hādīʾ maʿa ash-shubuhāt, Salāhuddīn al-Idlibī, S. 44.

Blindes Nachahmen des Imams Ahmad, das den forschenden Geist unterdrückt, ist ein verwerflicher Weg. Denn Imam Ahmad (möge Allah seiner gnädig sein) übte in vielen Fragen selbst Ijtihād. Das bedeutet keineswegs, dass all seine Einschätzungen einzelner Personen oder einzelner Meinungen absolut unfehlbar gewesen wären. So kritisierte Imam Ahmad beispielsweise Imam al-Karabīsī wegen dessen Haltung zur Frage der Erschaffenheit der Rezitation des Qur’an. Doch diese Auffassung al-Karabīsīs teilten viele Gelehrte unter den Salaf und den Muhaddithūn, darunter so große Imame wie al-Bukhārī und Muslim. Folgt man hierin konsequent Imam Ahmad, müsste man viele der Salaf fehlgeleitet nennen, müsste man viele sunnitische Gelehrte verurteilen, die die Position Husayn al-Karabīsīs in seinem Konflikt mit Imam Ahmad unterstützten und ebenfalls erklärten, die Rezitation des Qur’an sei erschaffen.

Imam adh-Dhahabī unterstützte Imam al-Karabīsī in dieser Frage und betonte zugleich seine Wahrhaftigkeit: 

ولا ريب أن ما ابتدعه الكرابيسي ، وحرره في مسألة التلفظ ، وأنه مخلوق هو حق ، لكن أباه الإمام أحمد لئلا يتذرع به إلى القول بخلق القرآن

„Es besteht kein Zweifel, dass das, was al-Karabīsī in der Frage des Aussprechens (des Qur’an) festhielt, nämlich dass es erschaffen ist, die Wahrheit ist. Doch Imam Ahmad widersprach ihm, damit dieses Urteil nicht als Vorwand für jene diene, die die Erschaffenheit des Qur’an behaupteten.“ Siyar aʿlām an-nubalāʾ, adh-Dhahabī (12/82).

Sobald wir erkennen, dass Imam Ahmad ebenso wie Ibn Kullāb und seine Schüler im Rahmen ihres Ijtihād handelten, erscheint auch der Konflikt zwischen ihnen in einem anderen Licht. Es war kein Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit, sondern ein Aufeinandertreffen verschiedener methodischer Ansätze, verschiedener Ijtihāde, von denen jeder den Anspruch erhob, das Glaubensbekenntnis der Ahl al-Hadīth zu verteidigen. Aus dieser Perspektive kann die kompromisslose Haltung Imam Ahmads gegen den Kalām nicht als absolut richtig gelten. Dass Imam Ahmad diese oder jene Methode für völlig unzulässig hielt, war sein Ijtihād. Doch dieser Ijtihād hebt nicht das Recht anderer Gelehrter auf ihren eigenen Ijtihād auf, der sie zu anderen Ergebnissen führen konnte hinsichtlich der Zulässigkeit (oder Unzulässigkeit), den Kalām innerhalb bestimmter Grenzen zur Verteidigung der Sunna zu verwenden.

Wichtig ist außerdem festzuhalten, dass es neben der Kritik an Ibn Kullāb auch eine bedeutende Gruppe von Gelehrten gab, die ihm mit Respekt begegneten und seine Treue zur Sunna anerkannten. Viele Gelehrte folgten nicht der strikten Haltung Imams Ahmads gegenüber Ibn Kullāb und betrachteten diese nicht als entscheidendes Kriterium zur Beurteilung der Sunnatreue eines Menschen. Dieser wesentliche Aspekt blieb in der Arbeit unseres Opponenten unberücksichtigt, da er es vorzog, die zahlreichen lobenden Urteile der Gelehrten über Ibn Kullāb nicht zu erwähnen.

Al-Hāfiz Ibn ʿAsākir überliefert von Abū l-Hasan al-Kābīsī (gest. 403 n.H.) (möge Allah ihrer aller gnädig sein), einem großen malikitischen Gelehrten des Maghreb:

قرأت بخطِّ على بن بقاء الورّاق المحدث المصري رسالة كتب بها أبو محمد عبد الله بن أبي زيد القيرواني الفقيه المالكي , وكان مقدَّم أصحاب مالك رحمه الله بالمغرب في زمانه , إلى علي بن أحمد بن إسماعيل البغدادي المعتزلي جواباً عن رسالة كتب بها إلى المالكيين من أهل القيروان يظهر نصيحتهم بما يدخلهم به في أقاويل أهل الاعتزال , فذكر الرسالة بطولها في جزءٍ وهي معروفة , فمن جملة جواب ابن أبي زيد له أن قال ونسبتَ ابن كلاّب إلى البدعة , ثم لم تحكِ عنه قولاً يعرف أنه بدعة فيوسم بهذا الاسم , وما علمنا من نسب إلى ابن كلاّب البدعة , والذي بلغنا أنه يتقلّد السنة ويتولّى الردَّ على الجهمية وغيرهم من أهل البدع

„Ich habe ein Werk gelesen, das mit der Handschrift von ʿAlī ibn Bakāʾ al-Warrāq, dem ägyptischen Muhaddith, verfasst war. Es handelt sich um ein Schreiben von Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn Abī Zayd al-Qayrawānī (gest. 386 H.), dem malikitischen Rechtsgelehrten, der zu seiner Zeit im Maghreb einer der führenden Anhänger Imams Mālik war. Dieses Schreiben richtete er an ʿAlī ibn Ahmad ibn Ismāʿīl al-Baghdādī al-Muʿtazilī, als Antwort auf dessen Schrift, in der er die Malikiten von Qayrawān aufforderte, sich den Ansichten der Muʿtazila anzuschließen. Ibn Abī Zayd erwähnte diese Schrift vollständig in einem Band, der bekannt ist. Unter den Dingen, die Ibn Abī Zayd ihm antwortete, ist Folgendes: ‚Du hast Ibn Kullāb der Innovation (Bidʿa) bezichtigt, ohne jedoch eine seiner Aussagen anzuführen, die tatsächlich als Innovation zu erkennen wäre und mit der er diesen Namen verdient hätte. Uns ist nicht bekannt, dass jemand Ibn Kullāb einer verwerflichen Innovation beschuldigt hätte. Was uns erreicht hat, ist vielmehr, dass er an der Sunnah festhielt und die Jahmiyyah sowie andere Leute der Innovation widerlegte.‘“ Tabyīn kadhib al-muftarī, Ibn ʿAsākir (1/405).

Imām ad-Dāraqutnī (gest. 385 n.H.) (möge Allah seiner gnädig sein) schreibt:

ابن كلاب المتكلم على مذهب المثبتة

„Ibn Kullāb war ein Mutakallim nach der Lehre derjenigen, die die Attribute Allahs bestätigen.“ al-Muʾtalif wa-l-Mukhtalif, ad-Dāraqutnī (4/989).

Imām ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 429 n.H.) (möge Allah seiner gnädig sein) schreibt:

ومن المتكلمي أهل السنة في أيام المأمون عبد الله بن سعيد التميمي الذي دمر على المعتزلة في مجلس المأمون وفضحهم ببيانه

„Unter den Mutakallimūn der Ahl as-Sunna zur Zeit des Kalifen al-Maʾmūn war ʿAbdallāh ibn Saʿīd at-Tamīmī, der die Muʿtazila in der Versammlung al-Maʾmūns zunichtemachte und sie mit seiner Rede bloßstellte.“ Usūl ad-Dīn, al-Baghdādī, S. 335.

Imām Tāj ad-Dīn as-Subkī schreibt:

وَابْن كلاب على كل حَال من أهل السّنة

„Und Ibn Kullāb gehört in jedem Fall zu den Ahl as-Sunna.“ Tabaqāt ash-Shāfiʿiyya al-Kubrā, as-Subkī (2/300).

Imām Jamāl ad-Dīn al-Isnawī (gest. 772 n.H.) (möge Allah seiner gnädig sein) schreibt:

كان من كبار المتكلمين ومن أهل السنة ذكره العبادي في طبقة أبي بكر الصيرفي وقال عنه أنه من أصحابنا المتكلمين

„Er war einer der großen Mutakallimūn und gehörte zu den Ahl as-Sunna. Al-ʿAbbādī erwähnte ihn in derselben Reihe wie Abū Bakr as-Sayrafī und sagte über ihn: „Er gehört zu unseren Gefährten unter den Mutakallimūn.“ Tabaqāt ash-Shāfiʿiyya (2/178).

Ibn Qādī Schuhba (gest. 851 n.H.) (möge Allah seiner gnädig sein) schreibt über Ibn Kullāb: 

كان من كبار المتكلمين ومن أهل السنه وبطريقته وطريقة الحارث المحاسبي اقتدى ابو الحسن الأشعري

„Er war einer der großen Imame der Ahl as-Sunna, der im Kalām dem Weg al-Muhāsibīs folgte. Imām al-Ashʿarī folgte ebenfalls ihrem Weg.“ Tabaqāt ash-Shāfiʿiyya, Ibn Qādī Schuhba (1/78).

al-Hāfiz Ibn Hajar al-ʿAsqalānī (gest. 852 n.H.) (möge Allah seiner gnädig sein) schreibt:

وأما المسائل الكلامية فأكثرها من الكرابيسي وابن كلاب ونحوهما

„Was die Fragen des Kalam betrifft, so nahm (Imām al-Bukhārī) die meisten seiner Ansichten von al-Karabīsī, Ibn Kullāb und deren Gleichen.“  Fath al-Bārī, Ibn Hajar (1/294).

Imām Kamāl ad-Dīn al-Bayādī (gest. 1097 n.H.) (möge Allah seiner gnädig sein) schreibt:

لم يخل زمان عن ناصر ينصر السنة فكان قبل الإمام الأشعري الإمام عبد الله ابن كلاب ناصرا للسنة مدافعا عنها

„Es gab keine Zeit, in der es nicht einen Verteidiger der Sunna gegeben hätte. So war vor Imām al-Ashʿarī Imām ʿAbdallāh ibn Kullāb ein Verteidiger der Sunna und ein Beschützer derselben.“ Ishārāt al-Marām, al-Bayādī, S. 23.

Beeinflusst die Verurteilung Ibn Kullābs die Asha’irah?

Die Pseudo Salafiyyah bezeichnen die Anhänger Ibn Kullābs oft als Vorläufer der Asha’irah und Ibn Kullāb als Gründer des Ashʿarismus, doch das ist nicht korrekt. Ibn Kullāb war – wie auch seine Schüler – ein Mujtahid, und seine Schüler wichen in manchen Fragen nicht nur von ihm ab, sondern auch untereinander, indem sie ihren eigenen Ijtihād in der Behandlung von Fragen ausübten. Es handelte sich nicht um eine Sekte, die blind die Lehre ihres Begründers weitergab. In seinem Werk Maqālāt al-islāmiyyīn erwähnt Imām al-Ashʿarī die Meinungsverschiedenheiten der Kullabiyyah untereinander in vielen Fragen. Ebenfalls unterscheidet er in diesem Buch bisweilen zwischen den Positionen von Ahl as-Sunna und manchen Ansichten Ibn Kullābs selbst.

Auch Imām al-Ashʿarī widersprach Ibn Kullāb in vielen Fragen. In der Frage von Befehl (al-amr), Verbot (an-nahy) und Mitteilung (al-khabar) vertrat Abū l-Hasan al-Ashʿarī im Gegensatz zu Ibn Kullāb die Auffassung, dass die Rede Allahs seit Ewigkeit durch diese Aspekte beschrieben wird. Ibn Kullāb hingegen meinte, dass die ewige Rede nicht als Befehl, Verbot oder Mitteilung beschrieben werden könne, solange nicht jene existierten, an die die Rede gerichtet ist. Al-Ashʿarī hielt dies für einen Irrtum.

Al-Ashʿarī akzeptierte auch nicht Ibn Kullābs Behauptung, dass der Qurʾān eine hikāyah sei. Ebenso war al-Ashʿarī nicht einverstanden mit Ibn Kullābs Ansicht, dass die Ewigkeit ein Attribut Gottes sei. Al-Ashʿarī hingegen sagte, dass Gott ewig ist durch Sein eigenes Wesen. Al-Ashʿarī verwarf auch die Aussage Abū l-ʿAbbās al-Qalānisīs, eines Gefährten Ibn Kullābs, dass Rede bei etwas existieren könne, das nicht lebendig ist. Al-Ashʿarī hielt das Leben für eine Voraussetzung des Bestehens von Rede. 

Dies sind kleine Beispiele dafür, dass zwischen den Asha’irah und den Kullabiyyah keine blinde Übernahme der Ansichten stattfand. In Maqālāt al-islāmiyyīn trennte al-Ashʿarī die einzelnen Ijtihāds Ibn Kullābs von den Positionen von Ahl as-Sunna. Auch die Gelehrten der Ashʿarīyyah betrachteten weder Ibn Kullāb noch al-Ashʿarī als unfehlbare Persönlichkeiten und stimmten nicht mit allen Aspekten ihrer Ansichten überein. Dennoch wurde Ibn Kullāb, obwohl er Fehler machte, als ein Gelehrter von Ahl as-Sunna anerkannt. Wir haben diese Frage bereits anhand der Aussagen vieler Gelehrter dargelegt.

Imām Tāj ad-Dīn as-Subkī schreibt: 

وَابْن كلاب على كل حَال من أهل السّنة وَلَا يَقُول هُوَ وَلَا غَيره مِمَّن لَهُ أدنى تَمْيِيز إِن كَلَام الله هُوَ الله إِنَّمَا ابْن كلاب مَعَ أهل السّنة فى أَن صِفَات الذَّات لَيست هى الذَّات وَلَا غَيرهَا ثمَّ زَاد هُوَ وَأَبُو الْعَبَّاس القلانسى على سَائِر أهل السّنة فذهبا إِلَى أَن كَلَامه تَعَالَى لَا يَتَّصِف بِالْأَمر والنهى وَالْخَبَر فى الْأَزَل لحدوث هَذِه الْأُمُور

„Ibn Kullāb gehört in jeder Hinsicht zu Ahl as-Sunna. Weder er noch jemand anders, der auch nur über das geringste Unterscheidungsvermögen verfügt, sagt, dass die Rede Allahs identisch mit Allah selbst sei. Ibn Kullāb vertrat mit Ahl as-Sunna die Auffassung, dass die Wesensattribute weder das Wesen selbst noch etwas anderes sind. Doch Ibn Kullāb und al-Qalānisī gingen über die übrigen von Ahl as-Sunna hinaus und kamen zu der Meinung, dass die Rede Allahs, des Erhabenen, in der Ewigkeit nicht als Befehl, Verbot oder Mitteilung beschrieben werden könne, da diese Dinge erst entstehen.“

Achten Sie auf die Worte von Imām as-Subkī: „Ibn Kullāb ist in jeder Hinsicht von Ahl as-Sunna“, „Ibn Kullāb ist zusammen mit Ahl as-Sunna in dieser oder jener Frage“, „doch Ibn Kullāb und al-Kalānīsī gingen weiter als die übrigen Ahl as-Sunna“ usw.

Dies sind die Worte eines Gelehrten, der versteht, dass Ibn Kullāb tatsächlich in einigen Punkten übermäßige Ijtihāde äußerte. Doch diese Ijtihāde waren kein ausreichender Grund, ihn aus der Reihe der Anhänger von Ahl as-Sunna auszuschließen, weil er erstens den Grundlagen des Glaubens von Ahl as-Sunna nicht widersprach und zweitens einen bedeutenden Beitrag zur Unterstützung dieses Weges leistete.

Unsere Behauptung, dass Ibn Kullāb zu Ahl as-Sunna gehört, bedeutet also nicht, dass er vollkommen fehlerlos war.

Die Bücher haben die Prinzipien (qawāʿid), auf denen Ibn Kullāb seine Ansichten und Widerlegungen aufbaute, nicht bewahrt. Es fällt uns nicht schwer, anzuerkennen, dass er sich in manchem geirrt haben könnte. Dennoch betrachten wir die Kritik von Imām Ahmad an ihm nicht als absolut unanfechtbar, zumal viele andere Gelehrte seinen Weg anders bewerteten. Möge Allah Ibn Kullāb und Imām Ahmad vergeben, sie am Tag des Gerichts vereinen und jedem nach seinem Bemühen und seiner Absicht vergelten.

Wenn man fragt: Warum wird behauptet, dass Abū l-Hasan al-Ashʿarī auf dem Weg Ibn Kullābs war, wenn er ihm doch widersprechen konnte? Und stimmt es, dass Ibn Kullāb der Gründer des Ashʿarismus sei?

Erstens: Es ist zu beachten, dass viele Gelehrte der Pseudo Salafiyyah– darunter Ibn Taymiyya und seine Anhänger – anerkannten, dass Imām al-Ashʿarī drei Phasen in der Entwicklung seiner Ansichten durchlief und dass er sich in der dritten Phase von den Lehren Ibn Kullābs abwandte. Daher ist es nach pseudo salafitischer Sichtweise eine schwere Verfälschung, die Asha’irah mit derselben Kritik zu belegen, die gegen die Kullābiyya oder gegen Ibn Kullāb selbst gerichtet war. Wenn ein Gegner die Asha’irah widerlegen will, indem er sich auf Kritik an Ibn Kullāb beruft, widerspricht er damit nicht nur Ibn Taymiyya, sondern auch der Mehrheit der Pseudo Salafiyyah.

Zweitens: Der methodologischen Linie Ibn Kullābs zu folgen bedeutet nicht automatisch, alle seine Ansichten zu übernehmen – insbesondere nicht jene, in denen er im Ijtihād irrte. Dies ist vergleichbar damit, dass die Anhänger von Imām ash-Shāfiʿī im Fiqh nicht verpflichtet sind, mit allen seinen Einzelurteilen übereinzustimmen, besonders wenn sie von Gelehrten, die in der Lage waren, dies zu erkennen, als fehlerhaft beurteilt wurden. Es geht vielmehr um die Übernahme grundlegender Prinzipien und Methoden, auf deren Grundlage spätere Gelehrte eigenständig Fragen betrachten konnten. Viele Mujtahidūn des shāfiʿitischen Madhhabs wichen in bestimmten Meinungen von ash-Shāfiʿī ab, obwohl sie zu seinem Madhhab gehörten. Genauso bedeutet das Folgen der Methode Ibn Kullābs keineswegs Zustimmung zu allen seinen Ansichten. Folglich: Wenn Ibn Kullāb eine Meinung vertrat, für die ihn Imām Ahmad kritisierte, bedeutet das noch lange nicht, dass die Asha’irah dieselbe Ansicht teilen.

Drittens: Wir stimmen der Behauptung nicht zu, dass Ibn Kullāb der Gründer der Madhhab der  Asha’irah sei. Die Schule der Asha’irah entstand als Schule, die dem Weg der rechtschaffenen Vorfahren (Salaf) folgt. Und Imām al-Ashʿarī hat in keinem seiner Werke erwähnt, dass es sein Ziel gewesen sei, ausschließlich den Weg Ibn Kullābs zu unterstützen.

Shaykh Muhammad Sālih al-Gursī (möge Allah ihn bewahren) schreibt:

نعم قد استفاد الأشعري من ابن كلاب وأخذ ببعض آرائه كما هو الدارج في استفادة المتأخر من المتقدم، ولقي بعض أصحابه، وهذا لا يعني أنه المؤسس للمذهب الأشعري، والأشعري مقرر لمذهب السلف ومناضل عنه بالاستدلال له ودفع الشبه عنه. ولم يأت بشيء جديد في أصل العقيدة كما أن ابن كلاب أيضا لم يأت بشيء جديد في أصل العقيدة

„Ja, al-Ashʿarī hat tatsächlich Nutzen von Ibn Kullāb gezogen und einige seiner Ansichten übernommen, so wie es üblich ist, dass die Späteren von den Früheren profitieren. Er traf auch einige seiner Gefährten. Das bedeutet jedoch nicht, dass Ibn Kullāb der Begründer der Schule der Asha’irah ist. Al-Ashʿarī ist vielmehr ein Festiger der Lehre der Salaf, ihr Verteidiger, der Beweise für sie anführt und die Zweifel von ihr abwehrt. Er brachte nichts Neues in die Grundlagen der ʿAqīda ein, genauso wie auch Ibn Kullāb nichts Neues in die Grundlagen der ʿAqīda einbrachte.“ Mahnhaj al-Asha’irah, al-Gursi

Somit ist die Darstellung Ibn Kullābs als Begründer des Ashʿarismus unzutreffend.



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