Die Wahabiten haben das schweigen der Salaf Imame hinsichtlich der Verse und Ahadith über die Eigenschaften Allahs als Beweis dafür vorgebracht, dass sie die äußere, sprachliche Bedeutung verstanden hätten. Da sie darüber geschwiegen haben so sagen sie, soll dies bedeuten dass sie an die wörtliche Bedeutung geglaubt hätten. Doch diese Annahme ist – wie wir mit Beweisen darlegen werden – nicht richtig. Damit sie als richtig gelten kann, müssen mehrere grundlegende Bedingungen erfüllt sein.
Erste Bedingung: Dass die Imame der Salaf alle Bedeutungen der Verse und Hadithe kennen.
Zweite Bedingung: Dass die Bedeutung, die sie verstanden haben, korrekt ist.
Dritte Bedingung: Dass es in der arabischen Sprache keine Metapher (majāz) gibt – das heißt, dass nur die äußere Bedeutung gemeint ist.
Wenn irgendeine dieser drei Bedingungen ungültig ist, so wird damit widerlegt, dass das Schweigen der Salaf-Imame ein Beweis dafür sei, dass sie die Attribute im wörtlichen Sinn verstanden hätten. Deshalb werden wir diese drei Bedingungen der Reihe nach widerlegen.
Widerlegung der ersten Bedingung:
Imam ash-Shāfiʿī sagte:
لا ينسب لساكت قول
„Dem Schweigenden wird kein Wort zugeschrieben.“
– Dieser Ausspruch widerlegt die erste Bedingung vollständig. Denn niemand hat das Recht, etwas zu verstehen und es dann einer Person zuzuschreiben, die vor Jahrhunderten gestorben ist, obwohl diese Person eine solche Meinung nie geäußert hat.
Doch damit geben wir uns nicht zufrieden. Es gibt unter den Imamen der Salaf solche, die offen bekannt haben, dass sie die Bedeutung mancher Angelegenheiten nicht kennen. Zum Beispiel sagte Muhammad ibn Qāsim ibn Abī Bakr as-Siddīq:
إنكم تسألوننا عما لا نعلم، والله لو علمنا ما كتمناه، ولا استحللنا كتمانه
„Ihr fragt uns nach Dingen, die wir nicht wissen. Bei Allah, wenn wir es wüssten, würden wir es euch nicht vorenthalten – und es wäre uns nicht erlaubt, es zu verheimlichen.“
Auch das widerlegt die erste Bedingung. Denn damit diese Bedingung gültig wäre, müssten die Salaf-Imame die Bedeutung von allem wissen. Doch diese Aussagen zeigen, dass sie manches nicht wussten.
Ebenso sagte Ibn al-Mubārak:
كلما جهلنا معنى حديث تركناه، لا بل نرويه كما سمعنا، وتلزم الجهل أنفسن
„Wenn wir die Bedeutung eines Hadiths nicht verstehen, überliefern wir ihn so, wie er ist – und schreiben uns selbst das Nichtwissen zu.“
Widerlegung der zweiten Bedingung:
Dass die erste Bedingung ungültig ist, weist auch auf die Ungültigkeit der zweiten Bedingung hin. Doch wir bringen zusätzlich einige Beispiele:
Einer der Gefährten verstand den Vers „…bis sich der weiße Faden vom schwarzen Faden unterscheidet…“ im wörtlichen Sinn und legte einen weißen und einen schwarzen Faden unter sein Kissen. Jedes Mal, wenn er sie voneinander unterscheiden konnte, dachte er, dass nun das Essen und Trinken beendet sei. Doch das war kein korrektes Verständnis – und der Gesandte Allahs (sallallāhu ʿalayhi wa sallam) korrigierte dieses Verständnis.
Genauer gesagt: „Esst und trinkt, bis der weiße Faden der Morgendämmerung sich vom schwarzen Faden der Nacht unterscheidet.“ (Sure al-Baqara, 2:187)
Der Gefährte ʿAdiyy ibn Hātim (radiyallāhu ʿanhu) verstand diesen Vers im wörtlichen Sinn, nahm einen weißen und einen schwarzen Faden und legte sie unter sein Kissen. Er beobachtete sie bis zum Morgen, um zu sehen, wann sie sich unterscheiden. Dann erklärte ihm der Gesandte Allahs ﷺ, dass mit dem „weißen Faden“ das Licht der Morgendämmerung gemeint sei und mit dem „schwarzen Faden“ die Dunkelheit der Nacht.
Ein weiteres Beispiel: Der Gesandte Allahs (sallallāhu ʿalayhi wa sallam) sagte zu seinen Ehefrauen: „Diejenige von euch, die mir am schnellsten folgen wird, ist die mit der längsten Hand.“
Daraufhin begannen sie, ihre Handlängen zu messen. Doch der Prophet (sallallāhu ʿalayhi wa sallam) meinte mit dieser Aussage diejenige, die am meisten Almosen gibt, also diejenige, die am großzügigsten ist.
Widerlegung der dritten Bedingung:
Dass es Metaphern (majāz) in der arabischen Sprache gibt, ist unbestritten. Auch in den Beispielen zur zweiten Bedingung ist die Metaphorik offensichtlich.
Hier geben wir zusätzliche Beispiele:
Beispielsweise heißt es in einem Hadīth qudsī, dass Allah sagt: „Ich war krank, und du hast Mich nicht besucht.“ – Das kann nicht im wörtlichen Sinn verstanden werden, denn Allah ist frei von Mängeln. Gemeint ist: Du hast Meinen Diener nicht besucht, als er krank war.
Auch die Aussage: „Du hättest Mich bei ihm gefunden“ ist metaphorisch. Denn es ist unmöglich, dass Allah von einem Geschöpf umfasst wird.
Ebenso gilt die Aussage: „Sein Herr war zwischen ihm und seiner Gebetsrichtung (Qibla)“ als Metapher. Denn Allah, der Erhabene, ist frei davon, von der Schöpfung umfasst oder durch Raum begrenzt zu werden.
Das Schweigen der Imame der Salaf in Bezug auf die Verse über die göttlichen Eigenschaften ist ein Hinweis auf ihre Methode. Sie überließen die Bedeutung Allah. Die Wahabiten jedoch lehnen diese Methode ab, bezeichnen sie als „die schlechteste Methode der Leute der Erneuerung“, und vermeiden es, den Salaf Imamen dieses zuzuschreiben – obwohl tafwīd der Weg der Salaf Imame war.