Das Konzept des Ortes zwischen äußerer Realität und geistiger Vorstellung
Eine der zentralen theologischen und philosophischen Fragestellungen, die Gelehrte über lange Zeit beschäftigt hat, ist die Frage nach dem „Ort“ – seiner Definition und seinem Wesen: Handelt es sich um eine wirkliche, äußere Existenz? Oder ist er lediglich eine geistige Vorstellung? Oder ist er ein bloßes gedankliches Konstrukt ohne Existenz außerhalb des Geistes?
Diese Frage hat eine Reihe tiefgreifender dogmatischer Fragen aufgeworfen, von denen die wichtigste lautet: Kann Allah, der Erhabene, mit „Ort“ beschrieben werden? Ist es zulässig zu sagen, dass Allah in einer Richtung ist – oben, unten, in einem Raum oder in einer Leere?
Diese Fragen beziehen sich ihrem äußeren Anschein nach auf körperliche Dinge. Doch aufgrund der Irreführungen, die von den Anthropomorphisten (Mujassima) unter den einfachen Gläubigen verbreitet wurden, sahen sich die Anhänger der sunnitischen Orthodoxie dazu veranlasst, zunächst das Konzept des „Ortes“ zu definieren und dann aufzuzeigen, weshalb es unmöglich ist, Gott einen Ort zuzuschreiben – in einer Weise, die Seine Transzendenz bekräftigt, ohne Seine Eigenschaften zu leugnen, und jeglicher Form der Vermenschlichung vorbeugt, ohne ins Verneinen zu verfallen.
1. Die sprachliche Definition des Ortes
Die Sprachwissenschaftler definierten makān (Ort) als „den Platz, den ein Ding einnimmt“. Al-Rāghib al-Asfahānī sagte in seinen Mufradāt: „Makān ist der Ort, der ein Ding umfasst.“ Manche verbanden den Begriff „Ort“ mit dem Konzept des hayyiz (räumliche Ausdehnung), das den Raum oder Bereich bezeichnet, der von einem Körper eingenommen wird. Nach dieser Auffassung ist makān etwas Sinnlich-Wahrnehmbares, außerhalb des Geistes Existierendes, das durch Empfindung oder Zeigen identifizierbar ist, und nicht ohne etwas, das ihn einnimmt, vorstellbar ist – da sein Wesen auf Einschließung beruht. Daraus ergibt sich ein inhärenter Zusammenhang zwischen Ort und Körperlichkeit: Ein Ort kann nicht ohne etwas, das sich in ihm befindet, gedacht werden; und Anwesenheit ist nicht vorstellbar ohne ein Etwas, das einen Raum einnimmt.
2. Die theologische Definition des Ortes bei den Sunniten
Die überprüfenden Gelehrten der Ahl as-Sunna – unter den Asha’irah und Maturidiyyah – sind sich einig, dass der Ort ein erschaffene Akzidens ist, das keine eigenständige Existenz besitzt, sondern nur im Zusammenhang mit Körpern existiert. Es ist eine Eigenschaft, die einem Körper anhaftet – kein eigenständiges Wesen außerhalb dessen, kein für sich bestehender Substanzträger.
Al-Imam al-Baydāwī sagte in Ishārāt al-Marām: „Der Ort ist die Leere, die vom Körper ausgefüllt wird.“ Al-Sayyid az-Zabīdī sagte: „Der Ort ist der Platz, der ein Ding umfasst.“
Diese Definition ist präzise, weil sie bekräftigt, dass der Ort kein vom Körper getrenntes Wesen ist, sondern eines der untrennbaren Akzidenzien von Körpern. In der Theologie gilt ein ʿaraḍ (Akzidens) als nicht für sich existenzfähig, sondern nur innerhalb eines jawhar (Substanzträgers). Deshalb kann Ort nicht unabhängig gedacht werden – er existiert nur dort, wo ein Körper ist. Wer hingegen behauptet, der Ort könne ohne einen Körper existieren, bejaht damit die Existenz eines absoluten leeren Raumes – eine Vorstellung, die von der Mehrheit der Theologen abgelehnt wird.
3. Räumliche Ausdehnung, Leere und Vakuum im theologischen Diskurs
Die Theologen unterschieden fein zwischen einem geistigen oder vorgestellten Raum und einem realen, von einem Körper ausgefüllten Raum. Der leere Teil eines Raumes ist ein realer Ort, solange sich ein Körper darin befindet. Wird jedoch ein absolut leerer Raum ohne jeglichen Körper vorgestellt, ist das reine Fantasie ohne Wirklichkeitsgehalt.
Al-Dusūqī sagte in seinem Kommentar zu Umm al-Barāhīn: „Der Raum (ḥayyiz) ist das, was ein Körper entsprechend seiner Größe aus der Leere einnimmt“ – d.h., räumliche Ausdehnung wird nur durch die Anwesenheit eines Körpers verwirklicht. Absolute Leere wird von der Mehrheit der Theologen abgelehnt, da sie die Existenz eines ewigen, ungeschaffenen Ortes impliziert – etwas, das notwendigerweise mit Körperlichkeit und Begrenztheit verbunden ist, Eigenschaften, die ausschließlich den Geschöpfen zukommen.
4. Die göttliche Transzendenz und die Verneinung des Ortes für Allah
Eine der grundlegenden Eigenschaften des Ortes ist, dass er nur dort existiert, wo sich ein Körper befindet. Wer also Gott einen Ort zuschreibt, schreibt Ihm notwendigerweise Körperlichkeit zu – etwas, das von Ahl as-Sunna einstimmig abgelehnt wird. Denn Körperlichkeit bringt Begrenzung, Ausdehnung, Maße und Teilbarkeit mit sich – alles Merkmale, die dem ewigen, unerschaffenen Gott nicht zukommen.
Die Gelehrten stellten daher fest: Wer sagt „Allah ist an einem Ort“ – und damit einen realen Ort meint, der Ihn umfasst oder in dem Er verweilt –, hat Allah mit Seiner Schöpfung gleichgesetzt und Ihn zu einem begrenzten, erschaffenen Wesen gemacht – Erhaben ist Allah darüber!
Die Gelehrten der Ahl as-Sunna widerlegten die Anthropomorphisten genau aus diesem Grund und bewiesen, dass Ort nicht Allah zugeschrieben werden kann, da es eine notwendige Eigenschaft von Körpern ist. Doch Allah ist weder Körper, noch Substanz, noch Akzidens. Er ist weder durch räumliche Ausdehnung, Lage noch Richtung beschreibbar – denn: „Nichts ist Ihm gleich.“ Er ist nicht begrenzt, nicht eingeengt und kann nicht physisch gezeigt oder verortet werden. Wer Ihm Richtung oder Ort zuschreibt, hat Ihn vermenschlicht – selbst wenn er dies nicht ausdrücklich sagt.
5. Auch die Verneinung des geistigen oder begrifflichen Ortes
Einige der Muʿtazilah und spätere betrachteten den Ort lediglich als mentale Beziehung zwischen Körpern oder als relatives Konzept ohne reale äußere Existenz – ein bloßes geistiges Konstrukt. Doch diese Sichtweise ist schwach und widerspricht der Meinung der Mehrheit der Gelehrten, die feststellten, dass der Ort eine wirkliche Existenz in der äußeren Welt hat – als Akzidens, das Körpern anhaftet, nicht bloß als konventioneller Begriff.
Sie argumentierten: Wenn der Ort nicht existieren würde, hätte ein Körper keinen Raum, es wäre keine Vorstellung von Festigkeit oder Stabilität möglich, und die gesamte Welt wäre bloße Einbildung – was der realen Erfahrung offensichtlich widerspricht.
6. Der Beweis aus der Offenbarung für die Geschaffenheit des Ortes und seine Verneinung für Gott
In einem authentischen Hadith heißt es: „Allah war, und nichts war außer Ihm.“ Dies ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass Allah existierte, bevor es Ort, Richtung oder Zeit gab. Der Ort wurde erst nach der Erschaffung der Körper erschaffen – und ist somit wie alle anderen Dinge ein Geschöpf.
Wer hingegen behauptet, Allah habe einen ewigen Ort – wie etwa Leere, Vakuum oder Luft –, der behauptet damit in Wirklichkeit, es habe neben Allah etwas in der Ewigkeit gegeben. Das ist offener Schirk, selbst wenn er leugnet, Allah Körperlichkeit zuzuschreiben – denn die Konsequenz seiner Aussage ist die Behauptung, es existiere etwas Ewiges neben Allah. Und das ist zweifellos falsch.
7. Widerlegung der Einwände zeitgenössischer Anthropomorphisten
Einer der häufigsten Irrtümer der Anthropomorphisten ist die Behauptung: „Allah ist über dem Thron mit Seinem Wesen“ – wobei sie Einwände abwehren mit dem Satz: „ohne nach dem Wie zu fragen.“
Doch wir antworten: Das Wort „über“ (fawq) bedeutet im wörtlich-körperlichen Sinn räumliche Ausdehnung, Begrenzung und Lokalisierung – Eigenschaften von Körpern. Wer diese für Allah bejaht, hat Ihn zu einem Körper gemacht, ob er es ausspricht oder nicht. Wenn sie sagen: „Aber es gebührt Allah!“, antworten wir: Das ist bloße Rhetorik, denn was ihr wirklich sagt, ist: „Ein Körper – aber nicht wie andere Körper“ – eine bedeutungslose Behauptung.
Die Gelehrten der Ahl as-Sunna haben klargestellt, dass das in den Texten erwähnte ʿulww (Hoheit) die Hoheit in Majestät, Status und Macht meint – nicht räumliche Höhe oder Lokalisierung.
Al-Hāfiz Ibn Hajar sagte in seinem Kommentar zum Bericht über die Himmelfahrt (al-Miʿrāj): „Der Wortlaut enthält keine ausdrückliche Zuordnung eines Ortes zu Gott.“
Die klare Lehre der Transzendenz darf nicht wegen mehrdeutiger Vermutungen aufgegeben werden.
8. Zusammenfassung der korrekten theologischen Auffassung
Die Diskussion lässt sich wie folgt zusammenfassen:
1. Der Ort ist eine erschaffene Akzidens: Er existiert nicht unabhängig, sondern nur dort, wo sich ein Körper befindet. Er gehört zur Schöpfung, nicht zum Schöpfer.
2. Allah wird nicht mit Ort beschrieben: Denn Ort impliziert Körperlichkeit und räumliche Begrenzung – beides ist für Allah ausgeschlossen.
3. Die Behauptung eines ewigen Ortes für Allah ist offenkundiger Shirk: Denn sie setzt die Existenz eines anderen Ewigen neben Allah voraus – was einstimmig abgelehnt wird.
4. Anthropomorphisten implizieren Körperlichkeit, auch wenn sie es nicht aussprechen: Denn die Annahme von räumlicher Hoheit ist ein Ausdruck von Körperlichkeit.
5. die Hoheit ist bestätigt, aber nicht wie die Anthropomorphisten meinen: Es ist eine Hoheit in Macht, Status und Majestät, nicht in Raum oder Ausdehnung.
6. Die Asha’irah leugnen Gottes Eigenschaften nicht: Sie bejahen sie unter Wahrung Seiner Transzendenz, deuten mehrdeutige Texte im Lichte klarer Aussagen oder überlassen die Bedeutung Allah, ohne Körperlichkeit zu behaupten.
So wird deutlich, dass der Glaube der Ahl as-Sunna – wie er von den Asha’irah und Maturidiyyah formuliert wurde – darauf beruht, die Eigenschaften zu bejahen, die Allah Sich selbst zugeschrieben hat, und gleichzeitig alle Formen von Mangel, Begrenzung oder Ähnlichkeit mit der Schöpfung auszuschließen. Zu den größten Aspekten dieser Transzendenz gehört die Verneinung des Ortes für Allah – zur Erhebung Seiner Vollkommenheit über jegliche Merkmale der Geschöpfe.
Und alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.“