Die glaubenslehre der Ahlu Sunnah

Die Asha'irah und Maturidiyyah


Die Debatte zwischen Hanbaliten und Aschʿariten über die Eigenschaft der göttlichen Rede (Kalām), den Grad ihrer Meinungsverschiedenheit und die unbegründeten Anschuldigungen einiger Gruppen, die diese Auseinandersetzungen zu Propagandazwecken missbrauchen.

Zunächst sei klargestellt:

Obwohl die Hanbaliten und Aschʿariten unterschiedliche Erklärungen zur der Eigenschaft Kalam geben, sind sie sich in drei Punkten einig:

Erstens: Die drei theologischen Schulen der Ahl as-Sunnah – Hanbaliten, Aschʿariten und Māturīdīten – stimmen darin überein, dass Allāh mit der Eigenschaft Rede (Kalām) beschrieben wird und dass diese Eigenschaft ewig ist und im Wesen Allāhs besteht.

Zweitens: Das, was in den Seiten der Offenbarung geschrieben steht, ist das Wort Allāhs.

Drittens: Wer auch nur einen Buchstaben dessen leugnet, was in diesen Seiten steht, gilt als ungläubig (kāfir).

Diese drei Punkte finden sich sowohl in den Glaubenswerken der Hanbaliten als auch der Aschʿariten.

Der Punkt, in dem sie sich jedoch unterscheiden, ist folgender: Sind die Buchstaben des edlen Qurʾān die eigentliche, wörtliche Rede Allāhs? Oder ist die Rede Allāhs eine ewige Bedeutung, auf die die Buchstaben und Worte lediglich hinweisen?

Die erste Ansicht vertreten die Hanbaliten, die zweite die Aschʿariten.

Wie bereits erwähnt, vertreten die Hanbaliten die Meinung, dass die Eigenschaft Kalam tatsächlich aus Buchstaben und Lauten besteht – und dass der Qurʾān, den wir rezitieren, das wörtliche Wort Allāhs ist.

Die Aschʿariten und Māturīdīten hingegen sagen, dass die im Wesen Allāhs bestehende Rede, der Kalam Nafsi sei.

Kamāl ad-Dīn al-Bābartī – möge Allāh ihm barmherzig sein – sagte in seinem Kommentar zur Waṣiyya des Imām Abū Ḥanīfa auf Seite 103:„Die Muslime sind sich einig darüber, dass man Allāh als „Sprechenden“ (al-Mutakallim) bezeichnet, jedoch herrscht Uneinigkeit über die Bedeutung dieses Ausdrucks. Nach unserer Auffassung ist Seine Rede ein Attribut, das in Seinem Wesen besteht, nicht erschaffen, nicht aus Buchstaben und Lauten bestehend, unteilbar, unvereinbar mit Schweigen oder Stummheit, aufgeschrieben in den Mushaf, rezitiert mit den Zungen, bewahrt in den Herzen – aber sie ist in keiner dieser Formen gegenwärtig, weder Er selbst noch etwas anderes von Ihm ist in ihnen enthalten – wie alle Seine anderen Eigenschaften, die über jede Spur von Entstehung, Einwohnung oder Veränderung erhaben sind.“ (Sharh al-Wasiyya)

Imam Al-Āmidī sagte in Ghāyat al-Marām, S. 110–112: „Wenn jemand behaupten würde, dass Gottes Rede aus Buchstaben und Lauten besteht, die nicht wie die unseren sind – so wie auch Sein Wesen und Seine Eigenschaften nicht wie die unseren sind, wie einige der Salaf sagten –, so widerspricht diese Ansicht der Vernunft nicht völlig. Doch es fehlt ihr an einem eindeutigen Beweis – weder durch die Vernunft noch durch die Offenbarungstexte lässt sie sich definitiv belegen. Daher wäre es eine unrechtmäßige Festlegung, diese Ansicht zu behaupten.“

Einige hanbalitische Forscher vertreten zudem die Auffassung, dass die Sichtweise, wonach die Kalām-Eigenschaft aus Lauten und Buchstaben besteht, aus bestimmten Gründen vorzuziehen sei. Dies wiederum zeigt, dass in dieser Frage kein absoluter Konsens (ijmāʿ) besteht.

Die Imāme der Salaf stimmten darin überein, dass Allāh mit der Eigenschaft Kalām beschrieben wird, jedoch waren uneinig über die Details dieser Eigenschaft.

So sagte Imām Aḥmad – möge Allāh ihm barmherzig sein – etwa, dass Allāhs Rede aus Buchstaben und Lauten bestehe, während Abū Ḥanīfa – möge Allāh ihm barmherzig sein – sagte, dass Allāh ohne Laute und ohne Buchstaben spricht.

Abū Ḥanīfa an-Nuʿmān – möge Allāh ihm barmherzig sein – sagte in al-Fiqh al-Akbar:„Allāh spricht nicht so wie wir sprechen. Wir sprechen mit Werkzeugen und Buchstaben. Der erhabene Allāh aber spricht ohne Werkzeuge und ohne Buchstaben. Buchstaben sind erschaffen, doch das Wort Allāhs ist nicht erschaffen.“ (al-Fiqh al-Akbar mit dem Kommentar Minah ar-Rawḍ al-Azhar, S. 109)

Die hanbalitischen Gelehrten äußerten unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie gewichtig der Meinungsunterschied mit den Aschʿariten in dieser Frage sei.

Ibn Qudāma – möge Allāh ihm barmherzig sein – sah den Widerspruch als eine Abweichung in einer klaren, gesicherten Glaubenssache.

Einige tun so als ob die Ansicht von Imam Ibn Qudamah ein Konsens wäre, warum erwähnen diese Leute nicht die anderen Ansichten?

Najm ad-Dīn at-Tūfī – ebenfalls hanbalitischer Gelehrter – stufte diesen Unterschied jedoch als weniger schwerwiegend ein. (vgl. Darʾ al-Qawl al-Qabīḥ, S. 348)

Auch Imām ʿAlāʾ ad-Dīn al-Mardāwī deutete in at-Taḥbīr sharḥ at-Taḥrīr an, dass diese Frage nicht zu den unumstößlich bekannten Glaubensgrundsätzen gehört. Trotzdem bevorzugte er die Sichtweise der Hanbaliten und überlieferte diese auch von mehreren Imāmen. (at-Taḥbīr Sharḥ at-Taḥrīr, 3/1349)

ʿAbd al-Bāqī al-Mawāhibī al-Ḥanbalī sagte in seinem Werk al-ʿAyn wa-l-Aṯar über die Aussagen der Aschʿariten zur Kalām-Eigenschaft Allāhs: „Wer leugnet, dass das, was sich in den Schriftseiten befindet, eine Manifestation der Kalām-Eigenschaft Allāhs ist, wird nur dann als ungläubig (kāfir) betrachtet, wenn er behauptet, es sei ein menschliches Werk. Wenn er jedoch glaubt, dass es von Allāh erschaffen wurde und auf die im göttlichen Wesen bestehende Rede hinweist – auch wenn er sagt, es sei nicht selbst die im Wesen bestehende Eigenschaft – so gilt er im Allgemeinen nicht als ungläubig.“ (al-ʿAyn wa-l-Aṯar, S. 105)

Auch Ibn Sufān al-Qaddūmī al-Ḥanbalī – möge Allāh ihm barmherzig sein – sagte in al-Manhaj al-Aḥmad: „Wer sagt, dass die Rede Allāhs eine ewige Bedeutung ist, die im Wesen Allāhs besteht und durch die Wörter ausgedrückt wird, die wir lesen, schreiben und auswendig lernen, dessen Aussage enthält nichts an Unglauben. Denn eine solche Person glaubt, dass die im göttlichen Wesen bestehende Kalām-Eigenschaft ewig ist. Was bei den Salaf verbreitet ist, ist die Aussage: Der Qurʾān ist das Wort Allāhs, und er ist nicht erschaffen. Er stammt von Ihm und kehrt zu Ihm zurück.“ (al-Manhaj al-Aḥmad, S. 97)

Einige sind in ihren Behauptungen so weit gegangen, dass sie die Aschʿariten in der Frage der göttlichen Eigenschaften mit der Sekte der Jahmiyya gleichgesetzt haben. Sie sagten: Die Aschʿariten und Māturīdīten hätten behauptet, dass die im Qurʾān enthaltenen Sätze und Buchstaben erschaffen seien, und seien damit den Lehren der Muʿtazila und Jahmiyya gefolgt.

Doch wenn wir uns den Streit zwischen den Gelehrten der Salaf und den Muʿtaziliten bzw. Jahmiyya genau ansehen, stellen wir fest:

Diejenigen, die sagten, dass der Qurʾān erschaffen sei, wurden nicht allein deshalb als Ungläubige (Kuffār) angesehen, sondern weil sie damit die Eigenschaft des Kalām bei Allāh leugneten.

Denn die Jahmiyya – und ihnen ähnliche Gruppen unter den Muʿtaziliten – glaubten nicht, dass Allāh mit einer im Wesen bestehenden, ewigen Rede spricht. Für sie ist die Rede Allāhs eine von Ihm erschaffene Handlung, die Er in Form von Buchstaben und Lauten erschafft.

Dies steht jedoch in keinem Zusammenhang mit der Überzeugung der Aschʿariten, denn:

– Die Aschʿariten bestätigen die Eigenschaft des Kalām bei Allāh.

– Sie glauben, dass diese Eigenschaft ewig ist.

– Sie sagen lediglich, dass diese Rede im Wesen Allāhs besteht, nicht von Ihm getrennt ist und sich von erschaffenen Dingen grundsätzlich unterscheidet.

Aufgrund dieser Unterschiede legten sie eine detailliertere Erklärung dieser Eigenschaft vor.

    Auch die Auseinandersetzung zwischen Ahl as-Sunna und den Muʿtaziliten drehte sich primär um die Frage, ob der Qurʾān ewig oder geschaffen sei.

    Der abbasidische Kalif al-Maʾmūn, welcher der fitnahhaften Lehre der Muʿtaziliten folgte, verstand ebenfalls, dass die damaligen Imāme den Qurʾān als ewig betrachteten. In seinem bekannten „Mihnah-Brief“ schrieb er: „Sie behaupten, dass der Qurʾān ewig ist, dass er keinen Anfang hat – dass Allāh ihn weder erschaffen, noch hervorgebracht oder erfunden hat.“ (zitiert bei at-Tabarī, Tārīkh ar-Rusul wa-l-Mulūk, Band 8, S. 631)

    Dies macht deutlich: Die Sichtweise der Aschʿariten und Māturīdīten zur Eigenschaft der Rede (Kalām) hat nichts mit den Vorstellungen der Jahmiyya oder Muʿtaziliten zu tun.

    Imām Ibn Qudāmah schreibt in seinem Buch „Lumʿatu al-Iʿtiqād“ (S. 15): „Das Wort Allāhs. Und zu den Eigenschaften Allāhs – erhaben ist Er – gehört, dass Er ein Sprecher ist mit einer ewigen Rede (kalām qadīm), das Er von wem Er will unter Seinen Geschöpfen hören lässt.“

    Die Wahhabiten jedoch, insbesondere in ihrer Nachahmung Ibn Taymiyyahs, glauben, dass das Wort an sich zeitlich bedingt und situationsabhängig ist (ḥādith al-āḥād).

    Nehmen wir als Beispiel den wahhabitischen Shaykh Ibn al-ʿUthaymīn. In seinem Kommentar zur Glaubenslehre „al-Saffārīniyyah“ (B. 1, S. 212), als der große hanbalitische Imām Shams ad-Dīn as-Saffārīnī (1114–1188 n.H.) erklärt, dass der Koran das ewige Wort Allāhs sei, genauso wie Allāh selbst ewig ist, kommentiert Ibn al-ʿUthaymīn wie folgt: „Zweifellos ist diese Aussage falsch, denn Allāh hat mit dem Koran gesprochen zu dem Zeitpunkt, an dem Er ihn herabgesandt hat.“

    Im Gegenteil: Die Aschʿariten und Māturīdīten bestätigen die Kalām-Eigenschaft Allāhs als ewig im Gegensatz zu Ibn al-ʿUthaymīn und Ibn Taymiyyah

    Taqī ad-Dīn Ibn Taymiyya sagte in seinen Fatāwā über diejenigen, die den Madhhab der Aschʿarīyya mit dem der Jahmiyya gleichsetzen: „Wer behauptet, dass der Madhhab von Jahm ibn Safwān mit dem des Aschʿarī identisch, ihm ähnlich oder gleichgestellt sei, der ist in Bezug auf beide Gruppen unwissend. Denn die Jahmiyya sagen: Der Qurʾān ist erschaffen. Der Aschʿarī hingegen sagt: Der Qurʾān ist ewig – nur die menschliche Stimme, mit der er rezitiert wird, ist erschaffen. Für jemanden mit Verstand ist der Unterschied zwischen den drei Schulen offensichtlich. Zweifellos ist das Wort von Ibn Kullāb, von Abū l-Ḥasan al-Aschʿarī und von anderen Gelehrten, die göttliche Eigenschaften bestätigen, nicht dasselbe wie das der Jahmiyya oder Muʿtazila. Im Gegenteil: Diese Gelehrten haben Werke verfasst, in denen sie die Jahmiyya und Muʿtazila widerlegen und sie wegen der Leugnung der göttlichen Eigenschaften der Irreleitung bezichtigen. Manche tadelten sie sogar als Ungläubige, in anderen Fällen nur als Irregegangene – insbesondere Jahm ibn Ṣafwān, der einer der ersten war, der sowohl die Eigenschaften Allāhs als auch Seine schönen Namen ablehnte.“ (Majmūʿ al-Fatāwā, 12/201)

    Einige Gruppen, die extremistische Ansichten vertreten, haben die Aussagen einzelner Hanbaliten und Aschʿariten ohne korrektes Verständnis oder Beweislage missbraucht.

    Sie nahmen scharfe Aussagen mancher hanbalitischer Gelehrter über die Ansichten der Aschʿariten in Bezug auf die Kalām-Eigenschaft und verwendeten sie mit fitnahhafter Absicht:

    Sie propagierten damit die Auflösung und Auslöschung der theologischen Schulen der Ahl as-Sunna auf eine Weise, wie es den Khawarij entspricht.

    Wären sie bei ihrer Urteilsbildung verantwortungsvoll und forschend vorgegangen,

    hätten sie erkannt, dass viele dieser harten Aussagen auf beiden Seiten unbegründete und unbelegte Vorwürfe sind.

    Diese Angelegenheit lässt sich wie folgt verdeutlichen: Einige Aschʿariten haben die Überzeugung der Hanbaliten bezüglich Lauten und Buchstaben missverstanden, ebenso wie einige Hanbaliten die Aussagen der Aschʿariten über den Qurʾān in unzutreffender Weise wiedergaben.

    Beispielsweise behaupteten einige Hanbaliten, dass Aschʿariten sagen würden: „Das, was sich im Muṣḥaf befindet, ist nicht der Qurʾān“, und dass sie die Buchstaben des Qurʾān leugnen würden. (vgl. Ibn Qudāma, al-Munāẓara fī l-Qurʾān, S. 33)

    Ebenso nahmen einige Aschʿaritische Imame an, dass die Hanbaliten behaupteten, aufeinanderfolgende Laute und Buchstaben seien nicht erschaffen.

    Zu diesen Gelehrten gehören: al-Kalkānabī, Ibn Kamāl Pashā, ʿAḍud ad-Dīn al-Ījī und Jamāl ad-Dīn ad-Dawwānī.

    Sie sagten sinngemäß: „Die Hanbaliten erkennen nicht an, dass aneinandergereihte Buchstaben und Laute erschaffen sind.“ (vgl. Sharḥ al-ʿAqāʾid al-ʿAḍudiyya, Bd. 2, S. 231)

    Sogar Saʿd ad-Dīn at-Taftāzānī schrieb in seinem Werk Sharḥ ʿAqāʾid an-Naṣafiyya über die Aussagen einiger Aschʿariten, die der Mehrheit der eigenen Schule widersprachen,

    darunter ʿAḍud ad-Dīn al-Ījī, der meinte, die Kalām-Eigenschaft Allāhs sei Wort und Bedeutung zugleich.

    Er kommentierte: „Sie (d. h. einige Aschʿariten) sagten nicht, dass die aufeinanderfolgenden, zusammengesetzten Wörter – wie von den Hanbaliten behauptet – ewig seien.“ (Sharḥ ʿAqāʾid an-Naṣafiyya, S. 66)

    Zweifellos sind solche Aussagen über die hanbalitische Glaubenslehre falsch. Der Grund dafür liegt entweder in einem fehlenden Verständnis der Erklärungen hanbalitischer Imame oder in Unkenntnis der von ihnen vorgelegten theologischen Ausführungen oder sie meinten einige Leute die sich der hanbalitischen Schule zuschreiben, jedoch falche Ansichten vertraten. Manche gingen sogar noch weiter und behaupteten, die Hanbaliten würden sagen, die Laute und Buchstaben in der Rede Allāhs seien von der Art „aʿrāḍ“ (vergängliche, körperlich gebundene Eigenschaften). (vgl. Sharḥ ʿAqāʾid an-Naṣafiyya, Kommentar von at-Taftāzānī, S. 61)

    Wer jedoch die Bücher der Hanbaliten aufmerksam studiert, wird feststellen, dass sie diese Behauptungen stets entschieden zurückgewiesen haben.

    Sie haben niemals gesagt, dass Allāhs Rede aus geordneten, vergänglichen Lauten und Buchstaben („aʿrāḍ“) bestehe,

    noch haben sie geglaubt, dass die im Wesen Allāhs bestehende Kalām-Eigenschaft in erschaffene Dinge eintritt (ḥulūl).

    Quellen hierfür sind u.a.: 

    – Ibn Qudāma, al-Munāẓara fī l-Qurʾān, S. 25

    – Ibn ʿAqīl, al-Irshād, S. 29, 166 

    – al-Mawāhibī, al-ʿAyn wa-l-Aṯar, S. 99

    Ibn Qudāma al-Ḥanbalī – möge Allāh ihm barmherzig sein – entgegnete auf einige Einwände der Aschʿariten bezüglich der hanbalitischen Ansicht zu Lauten und Buchstaben: „Sie behaupteten, dass bei Buchstaben Ordnung und Reihenfolge herrscht, dass ein Buchstabe dem anderen vorausgeht. Unsere Antwort: Solche Konzepte gelten nur für Geschöpfe, die mit Artikulationsorganen und Teilen sprechen. Der Erhabene Allāh jedoch wird nicht auf diese Weise beschrieben. Wer so argumentiert, vergleicht Allāh mit Seinen Geschöpfen, weil er sich die Rede Allāhs anhand von geschöpflicher Rede vorstellt – und das ist von Grund auf falsch.“ (al-Munāẓara fī l-Qurʾān, S. 25)

    Bezüglich Töne (Sawt) sagte der Imam Ibn Najjar al-Futuhi in Sharh al-Kawkab al-Munir 2/52, den Imam Ibn Qudamah zitierend: ‘‘Wenn sie sagen ‘‘Wir benennen (die Rede Allahs) nicht als Ton (sawt), auch wenn es gehört werden kann‘‘, dann sagen wir, dass die Antwort in verschiedene Richtungen geht : Die Erste: Dies ist nur ein Widerspruch im Wortlaut, während in der Bedeutung (mit uns) Übereinstimmung herrscht , denn wir beabsichtigen mit ‘‘Ton (Sawt)‘‘ nichts anderes außer, dass was gehört werden kann.‘‘

    In der Überlieferung von ʿAbdūs ibn Mālik al-ʿAttār sagte Imām Aḥmad – möge Allāh mit ihm zufrieden sein: „Das Wort Allāhs ist nichts, was von Ihm getrennt ist.“ (Ṭabaqāt al-Ḥanābila, Band 2, S. 167)

    Ibn al-Mibrad al-Ḥanbalī kommentierte diese Aussage mit den Worten: „Das ist ein eindeutiger Beweis gegen die Vorstellung, dass der Qurʾān in etwas innewohnt (ḥulūl), denn das Innewohnen würde eine Trennung vom göttlichen Wesen voraussetzen.“ (Tuḥfat al-Wuṣūl, S. 108)

    Der zeitgenössische hanbalitische Gelehrte Shaykh ʿAbdullāh ibn Muḥammad al-ʿAbdullāh ibn Qudāma schrieb in seinem Kommentar zu Lumʿat al-Iʿtiqād: 

    „Einwand: Der Qurʾān befindet sich zwischen den Seiten (des Muṣḥaf). Bedeutet das nicht, dass er in den Seiten innewohnt , also dass sich die Rede Allāhs vom göttlichen Wesen getrennt hat? Antwort: Die Kalām-Eigenschaft Allāhs gehört – nach hanbalitischer Lehre – nicht zu den „wirkungslosen“ Eigenschaften, sondern zu den wirkenden (aktiven) Eigenschaften. Einige Wesenseigenschaften Allāhs sind nicht wirkend – wie z. B. das Leben (ḥayāt), das keine Auswirkungen auf die Schöpfung hat. Andere hingegen – wie z. B. die Kalām-Eigenschaft – haben eine Wirkung. Veranschaulichung: Feuer ist eine Substanz mit Hitze. Hitze ist eine Eigenschaft des Feuers – untrennbar mit ihm verbunden. Wenn wir nun einen Topf mit Speise auf das Feuer stellen, geht diese Hitze auf die Speise über und erwärmt sie. Dennoch sagen wir, dass die Hitze zum Feuer gehört und nicht von ihm getrennt ist. So ist es auch mit der Rede Allāhs: Sie ist untrennbar mit Seinem Wesen verbunden, wirkt aber auf unsere Sinne. Wir hören sie – weil sie auf unser Hörvermögen wirkt. Wir sehen ihre Spuren – weil sie sich auf die Schriftseiten auswirkt, in denen sie niedergeschrieben wurde. Die in den Seiten geschriebenen Buchstaben sind also eine Widerspiegelung der ewigen Kalām-Eigenschaft, aber nicht die Eigenschaft selbst. Das ist der entscheidende Unterschied.“

    Bezüglich der Aussage der Hanbaliten, dass Allah spricht wann er will, so sei gesagt, dass viele Salafīya, die sich der ḥanbalītischen Tradition angleichen möchten, berufen sich auf al-Mardāwī und Ibn an-Najjār, um zu vermeiden, einzugestehen, dass sie der ḥanbalītischen Schule widersprechen, insbesondere indem sie Ibn Taymiyyas umstrittener Ansicht zur Zeitlichkeit von Gottes Rede zustimmen.

    Sie zitieren al-Muhaqqiq al-Mardāwī und Ibn an-Najjār, wenn diese Ibn Taymiyya in ihren Kommentaren zu Mukhtaṣar at-Taḥrīr wiedergeben: „Allāh spricht ewig – wenn Er will, wann Er will, wie Er will – mit einer Rede, die in Seinem Wesen verankert ist. Und die Gattung der Rede ist ewig, obwohl der spezifische Laut nicht ewig ist.“

    Der erste Teil – „Allāh spricht ewig, wenn Er will“ – kann auf drei Arten verstanden werden:

    1. Die erste Interpretation ist, dass der Wille lediglich bewirkt, dass das Geschöpf die Rede hört. Das ist unproblematisch und im Einklang mit al-Qādī und dem Rest der Ḥanābila.
    2. Die zweite Interpretation ist, dass damit die Vorstellung zurückgewiesen wird, Gott sei zum Sprechen gezwungen – also lediglich eine sprachliche Verneinung, keine theologische. Auch das ist unproblematisch, wenn auch eine schwächere Möglichkeit.
    3. Die dritte Interpretation entspricht der Ansicht Ibn Taymiyyas: nämlich, dass sich im Wesen Allāhs selbst eine Veränderung ereigne, da Wille und Macht mit der Eigenschaft verbunden seien. Diese Interpretation ist nicht gemeint, wie sich noch zeigen wird.

    Der zweite Teil – „Und die Gattung der Rede ist ewig“ – bestätigt, dass Allāh ewig spricht, wann Er will. Diese Aussage bezieht sich auf den ersten Teil zurück.

    In at-Tahbīr sagte al-Mardāwī: „Sein [Allāhs] Ansprechen (khiṭāb) ist ewig“, und fährt fort: „Das Kontingente ist die Verknüpfung (taʿalluq), und das Urteil (ḥukm) bezieht sich auf die Handlung des Dieners, nicht auf die Eigenschaft selbst.“

    Diese Aussage schließt ausdrücklich aus, dass im Wesen Allāhs selbst zeitliche Ereignisse (ḥawādith) auftreten, und erklärt, dass das Zeitliche in der Verknüpfung liegt – nicht in einem Geschehen innerhalb des göttlichen Wesens.

    Er – möge Allāh ihm barmherzig sein – sagte auch: „al-Qādī Abū Ḥusayn und andere sagten: Ibn Masʿūd sagt dies nur auf tawqīfī-Weise (d. h. auf Überlieferung beruhend), denn es handelt sich um die Bestätigung einer Wesenseigenschaft (ṣifah dhāt).“ [Zitatende von al-Qādī Abū Ḥusayn] „Und die Angelegenheit ist so, wie er es sagte.“

    Al-Mardāwī erwähnt also, dass al-Qādī Abū Ḥusayn es als eine Wesenseigenschaft (ṣifah dhāt) bejahte – das heißt: Wille und Macht sind damit nicht verbunden, was eine klare Zurückweisung von Ibn Taymiyyas Position ist. Dieser vertrat hingegen, die Rede Allāhs sei eine Handlungseigenschaft (ṣifah fiʿliyya).

    Zur Aussage: „obwohl der spezifische Laut nicht ewig ist“ – sie bezieht sich auf den Laut, den der Diener beim Rezitieren der Schrift von sich gibt.

    Ein möglicher Einwand wäre: „Das ist nicht das, was der ursprüngliche Sprecher [Ibn Taymiyya] meinte; al-Mardāwī hat ihn lediglich zitiert, also muss man seine Aussage so verstehen, wie der Urheber sie beabsichtigte.“

    Darauf ist zu entgegnen: Die Hanbaliten neigen häufig dazu, Aussagen Ibn Taymiyyas, die dem Anschein nach problematisch sind, umzudeuten.

    Zum Beispiel zitiert Ibn an-Najjār dieselbe Passage wie al-Mardāwī von Ibn Taymiyya, erklärt jedoch später in schöner Weise:

    „[…] Vielmehr haben wir die Angelegenheit dargelegt, weil heutzutage viele Leute meinen, dass jemand, der glaubt, Allāh spreche mit einer Rede aus ewigen Lauten und Buchstaben, ohne Abfolge, über den sieben Himmeln, durch Seine Macht und Seinen Willen – wann Er will –, ein Ungläubiger sei.“

    Solche Umdeutungen von Aussagen Ibn Taymiyyas finden sich auch in Ibn Badrāns Werk al-ʿUqūd (S. 395), wo er eine zitierte Passage reinterpretierte, um Ibn Taymiyya nicht die Behauptung zu unterstellen, der Qur’ān sei kontingent (ḥādith)!

    Zusammenfassend lässt sich sagen: al-Mardāwī und Ibn an-Najjār haben klare und explizite Aussagen gemacht, die Ibn Taymiyyas Position in dieser Frage widersprechen. Daher müssen implizite Zitate von ihnen im Licht ihrer expliziten Aussagen verstanden werden – nicht auf Grundlage von Interessen, die fehlerhafte methodologische Ansätze verfolgen.

    Wie wir gesehen haben ist die Ansicht der Hanabilah nach näherem Betrachten, nicht so schwerwiegend als gedacht. Die Hanabilah leugnen jegliche bekannte Bedeutung von Buchstaben und Lauten (Harf wa Sawt). Sie sagen in Bezug auf Laute (Sawt), dass dies bedeutet, dass Allahs Rede gehört werden kann und sie meinen damit nicht dass Allahs Rede aus tatsächlichen lauten bestehen. Sie lehnen ab, dass diese Eigenschaft getrennt von Allah ist. Sie leugnen das Aufeinanderfolgen von Buchstaben. Sie sagen dass diese Buchstaben nicht wie unsere sind. Sie bestätigen die Ewigkeit der Rede. Sie sagen dass es eine Wesenseigenschaft ist. Sie entziehen jegliche Bedeutung von Körperlichkeit. Auch wenn wir ihre Ansicht nicht annehmen und unsere Position als die richtige ansehen, so führt ihre Meinung sie nicht aus der Ahlu Sunnah aus. Jedoch wer sagt, dass diese Eigenschaft eine Eigenschaft des Wesens und Handlung gleichzeitig sei und dass die Natur der Rede ewig sei und ihre Einzelheiten erschaffen. Und die Ewigkeit des Qur’an leugnet, so wie es die  Mushabbiha getan haben, so lehnen wir dies strikt ab und verurteilen solch eine Ansicht. Und solch eine Meinung erhält das Urteil des Vergleichs mit der Schöpfung.

    Und aller Lob gebührt Allah.



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