Die glaubenslehre der Ahlu Sunnah

Die Asha'irah und Maturidiyyah


Ibn Hazm und der salafitische Selbstwiderspruch: Zwischen Polemik und Prinzipientreue

Mehrere „Salafi“ Prediger zitieren gerne die Aussagen von Ibn Ḥazm in ihren Angriffen gegen die Aschʿariten. Dieser große Gelehrte fällt ein sehr hartes Urteil über den Aschʿarismus, indem er diese bedeutende theologische Schule mit Unglauben und Häresie gleichsetzt.

Diese Prediger zitieren seine Aussagen gerne, ohne deren Stichhaltigkeit zu berücksichtigen. Manchmal gehen sie sogar so weit, Aussagen zu zitieren, die die Aschʿariten für Positionen verurteilen, die auch von ihren eigenen Gelehrten wie Ibn Taymiyyah vertreten wurden.

In diesem Artikel werden wir nicht die Gültigkeit von Ibn Ḥazms Urteilen über den Aschʿarismus behandeln – diese Frage wurde bereits von vielen Gelehrten und Forschern im Laufe der Geschichte thematisiert.

Was uns vielmehr interessiert, ist das, was der Gebrauch der Aussagen dieses großen Gelehrten über die Methodologie zeitgenössischer „Salafīya“ offenbart.

Man muss wissen, dass die „Salafīya“ zwei Herangehensweisen haben, wenn sie Fragen des Glaubens mit ihren Gegnern behandeln:

Zunächst gibt es eine opportunistische Herangehensweise. Wenn diese angewendet wird, versuchen salafītische Prediger mit allen Mitteln, ihre Reihen zu vergrößern. In Debatten mit Aschʿariten zitieren sie möglichst viele Gelehrte, um zu zeigen, dass Aschʿariten nicht zu den Sunniten gehören. Sie zitieren auch Gelehrte, die sich teils in fundamentalen Punkten vom „Salafismus“ unterscheiden und den „Salafismus“ selbst noch schärfer verurteilen würden. Ibn Ḥazm ist ein perfektes Beispiel für einen solchen Gelehrten.

Die zweite Herangehensweise ist die der theologischen Reinigung. Hier liegt der Fokus auf dem, was die „Salafīya“ von anderen theologischen Strömungen unterscheidet. In diesem Kontext werden die zuvor opportunistisch zitierten Gelehrten als Jahmīya oder Murjī’a bezeichnet. Man wirft ihnen entweder Unglauben oder Häresie vor. Im besten Fall werden sie durch Unwissen oder Fehlinterpretation entschuldigt – weil sie angeblich nicht Zugang zum Genie eines Ibn Bāz, Ibn al-ʿUthaymīn oder al-Albānī hatten. Auch hier ist Ibn Ḥazm ein Paradebeispiel für einen Gelehrten, der in dieser Lesart mit den schlimmsten Bezeichnungen belegt wird.

Die opportunistische Herangehensweise dient also dazu, eine Realität zu verschleiern, die für viele „Salafīya“ schwer zu akzeptieren ist. Analysiert man die Werke der bedeutendsten Gelehrten der Umma nach dem Jahr 350 der Hidschra und ihre Aussagen zu verschiedenen theologischen Fragen, in denen sich die „Salafīya“ von anderen Strömungen unterscheiden, wird klar: Es gibt kaum einen Gelehrten, der aus „salafītischer“ Sicht nicht des Unglaubens oder einer schweren Häresie schuldig wäre.

Diese Realität betrifft nicht nur die aschʿaritischen Gelehrten. Auch viele Ḥanbaliten, die vor Ibn Taymiyyah lebten, werden in den Kommentaren „salafītischer“ Herausgeber zu ihren Werken schwerer Häresie bezichtigt.

Um diese Realität offenzulegen, wollen wir einige theologische Positionen dieses großen Gelehrten und Universalgelehrten Ibn Ḥazm sowie seine Bewertung der Grundsätze des „Salafismus“ näher betrachten.

Eine der gravierendsten Häresien aus Sicht der „Salafīya“ ist die Verneinung der sinnlich erfahrbaren Erhöhung (Allāhs über dem Thron) und der Glaube, dass Allāh existiert, ohne an einem Ort oder in einer Richtung zu sein. Viele „Salafīya“ betrachten diesen Glauben als eine Form des Unglaubens, andere sehen darin zumindest eine der schlimmsten Häresien.

Doch genau dieser Glaube ist für Ibn Ḥazm ein grundlegender Bestandteil des Tauḥīd. Sehen wir uns an, wie der salafītische Autor des Buches „Ibn Ḥazm wa mawqifuhu min al-Ilāhiyyāt“ seine Position beschreibt:

 تعالى ونفي التشبيه عنه نفي الجسمية والعرضية والزمانية والمكانية والحركة.

‎فقال لنفي الجسمية انه لم يأت نص بتسميته جسما ولم يقم البرهان بتسميته بذلك بل البرهان مانع منه…

‎والبرهان المانع من تسميته تعالى جسما كما قال : (لا يوجد في العالم الا جسم او عرض وكلاهما يقتضي بطبيعته وجود محدث له فبالضرورة نعلم انه لو كان محدثها جسما او عرضا لكان يقتضي فاعلا فعله ولا بد فوجب بالضرورة ان فاعل الجسم والعرض ليس جسما ولا عرضا وهذا برهان يضطر اليه كل ذي حس بضرورة العقل ولا بد ايضا فلو كان الباري (جسما لاقتضى

‎ضرورة ان يكون له زمان ومكان هما غيره وهذا ابطال التوحيد وايجاب الشرك معه تعالى لشيئين سواه وايجاب اشياء معه غير مخلوقة وهذا كفر).

‎واستدل على نفي المكان عنه تعالى بقوله سبحانه: (الا انه بكل شيء محيط) وقال ان هذا يوجب ضرورة انه لا في مكان اذ لو كان في المكان لكان المكان محيطا به من جهة ما او من جهات. وهذا منتف عن الباري بنص الاية المذكورة.

„Abū Muḥammad Ibn Ḥazm vertritt die Ansicht, dass zur Einheit Allāhs und zur Verneinung jeglicher Ähnlichkeit mit Ihm die Verneinung von Körperlichkeit, von Akzidenzien, von Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Bewegung gehört.

Er sagte zur Verneinung der Körperlichkeit: Es gibt keinen Text, der Ihn als Körper bezeichnet, und auch keine Beweisführung, die dies nahelegt – im Gegenteil, die Beweise schließen dies aus…

Der Beweis, der es verbietet, Allāh als Körper zu bezeichnen, ist wie folgt: Es existiert in der Welt nur Körper oder Akzidenz, und beide erfordern ihrer Natur nach einen Verursacher. Wenn nun also Körper und Akzidenz geschaffen sind, braucht es notwendigerweise einen Handelnden. Daraus folgt, dass der Schöpfer von Körper und Akzidenz selbst kein Körper und keine Akzidenz sein kann. Dies ist ein Argument, das jedem vernünftigen Menschen durch den Intellekt unmittelbar einleuchtet. Wenn Allāh ein Körper wäre, müsste Er notwendigerweise Zeit und Raum haben, die von Ihm verschieden sind. Das aber zerstört die Einheit Gottes, führt zur Vielgötterei und impliziert, dass es etwas neben Ihm gibt, das nicht erschaffen ist – was Unglauben bedeutet.“

Ebenso begründet er die Verneinung von Raum für Allāh mit dem Qurʾānvers:

„Wahrlich, Er umfasst alle Dinge.“

Er sagt, dass dies zwingend bedeutet, dass Er nicht in einem Raum ist, denn wenn Er es wäre, müsste der Raum Ihn auf irgendeine Weise umgeben – was jedoch nach dem zitierten Vers ausgeschlossen ist.“

Man sieht: Für Ibn Ḥazm ist die Verneinung von Körperlichkeit bei Allāh ein Grundpfeiler des Tauḥīd. Für die „Salafīya“ hingegen ist dies bestenfalls eine semantische Frage, bei der weder Bejahung noch Verneinung erlaubt sei.

Und falls diese Aussagen nicht eindeutig genug sind, hier ein Zitat aus seinem Werk al-Faṣl, wo er sagt, dass Allāh weder innerhalb noch außerhalb Seiner Schöpfung ist:

‎فان قالوا انتم تقولون هذا في الباري تعالى قلنا له نعم لان البرهان قد قام على وجوده فلما صح وجوده تعالى قام البرهان بوجوب خلافه لكل ما في العالم على انه لا داخل ولا خارج

„Wenn sie sagen: Ihr sagt dies über den Schöpfer – antworten wir: Ja, denn die Beweise für Seine Existenz stehen fest. Und wenn Seine Existenz bewiesen ist, folgt notwendigerweise, dass Er sich von allem im Universum unterscheidet – nämlich darin, dass Er weder innerhalb noch außerhalb ist.“

Wie man sieht, hat Ibn Ḥazm genau denselben Glauben wie die Aschʿariten hinsichtlich der Erhabenheit Allāhs über Raum, Richtung und körperliche Eigenschaften.

Noch schlimmer: Für Ibn Ḥazm sind selbst die frühen Aschʿariten, die die „Hand“ Allāhs als Attribut bestätigen, Mitverantwortliche für die Öffnung zur Anthropomorphismus.

Er schreibt:

وذهبت المعتزلة الى اليد النعمة وهو ايضا لا معنى له لانها دعوى بلا برهان وقال الاشعري ان المراد بقول الله ايدينا انما معناه اليدان وان ذكر الاعين انما معناه عينان وهذا باطل مدخل في قول المجسمة

„Die Muʿtaziliten sagten, ‚Hand‘ bedeute ‚Gnade‘ – aber das ergibt keinen Sinn, denn es ist eine unbegründete Behauptung. Al-Ashʿarī sagte, dass mit Allāhs Worten „Unsere Hände“ zwei Hände gemeint seien und dass die Erwähnung der „Augen“ zwei Augen bedeute. Doch das ist falsch und öffnet die Tür zu den Aussagen der Anthropomorphisten.“

Imam al-Asch’ari bestätige diese Eigenschaften als Sifat al-Ma’ani und nicht als Teile oder Gliedmaßen oder etwas ähnlichem. Soviel dazu.  

Also ist für Ibn Ḥazm die Position von al-Aschʿarī – nämlich dass „Hand“ ein immaterielles Attribut ist – bereits ein Einfallstor zum Anthropomorphismus.

Wer, meint ihr, sind dann in seinen Augen die wahren Anthropomorphisten? Und wie, glaubt ihr, hätte er über die „Salafīya“ geurteilt, die sagen: „Ja, Allāh hat zwei reale Hände, die sich öffnen, schließen, greifen, Finger haben, und wir können weder bejahen noch verneinen, dass es sich um Glieder, Teile oder Werkzeuge handelt“ – oder gar wie Ibn al-ʿUthaymīn sagen, dass sie Werkzeuge seien?

Ibn Ḥazm vertritt auch in anderen Punkten Positionen, die im krassen Widerspruch zu den fundamentalen Glaubensgrundsätzen des „Salafismus“ stehen.

Man könnte noch viele weitere Beispiele nennen – doch das reicht fürs Erste.

Der problematischste Aspekt des Aschʿarismus für die „Salafīya“ ist die absolute Transzendenz Allāhs von Körperlichkeit, Raum, Richtung und Bewegung.

Das ist der Hauptgrund, warum sie den Aschʿarismus in ihren Polemiken angreifen.

Was sie jedoch nicht offen erwähnen: Die Gelehrten, die sie gegen den Aschʿarismus zitieren, stimmen mit den Aschʿariten in den Grundlagen des Tanzīh (der Transzendenz Allāhs) oft überein. Und eben um dieser Tanzīh jede Legitimität zu entziehen, wurden diese Gelehrten ursprünglich von den „Salafīya“ zitiert.

So vermitteln sie ihren Anhängern ein falsches Bild: Als wären ihre Hauptdogmen mit all ihren Eigenheiten in der Geschichte weit verbreitet gewesen – und die problematischsten Glaubensinhalte ihrer Gegner nur randständig. Das ist eine besonders perfide Taktik – und sie zeugt von einer gewissen intellektuellen Unehrlichkeit.



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