Die glaubenslehre der Ahlu Sunnah

Die Asha'irah und Maturidiyyah


Über die Aussage „Allah existierte und nichts war außer Ihm.“

Abu Muhammad Ibn Hazm az-Zahiri (383–456 n. H.), schreibt in seinem Werk Maratib al-Ijmaʿ eine Kapitelüberschrift mit folgendem Titel:

باب من الإجماع في الاعتقادات يكفر من خالفه بالإجماع.

„Kapitel über den Konsens (Ijmaʿ) in Glaubensfragen, bei denen der Widerspruch als Unglaube gilt.“

Anschließend schreibt er:

اتفقوا أن الله وحده لا شريك له، خالق كل شيء غيره، وأنه تعالى لم يزل وحده، ولا شيء غيره معه، ثم خلق الأشياء كلها كما شاء

 „Sie sind sich einig, dass Allah Einer ist und keinen Teilhaber hat, der Schöpfer von allem außer Ihm, und dass Er, der Erhabene, von Ewigkeit her allein war und nichts neben Ihm existierte. Dann erschuf Er alle Dinge, wie Er wollte…“ (Maratib al-Ijmaʿ). 

Ibn Hazm führt hier den Konsens der islamischen Gelehrten an und betont in der Kapitelüberschrift, dass Widerspruch in diesen Fragen als Unglaube gilt. Laut Ibn Hazm besteht auch darüber ein Konsens.

Seine Aussage umfasst zwei unterschiedliche Aspekte:

1. Die Existenz eines Konsenses (Ijmaʿ) zu dieser Angelegenheit.

2. Den Konsens darüber, dass derjenige, der in dieser Frage widerspricht, als Ungläubiger gilt.

Im vorliegenden Kontext interessiert uns der zweite Punkt nicht. Unser Fokus liegt auf dem ersten Punkt: der Angelegenheit selbst und den Kommentaren von Taqi al-Din Ibn Taymiyya, zu Ibn Hazms Aussage.

In seinem Werk Naqd Maratib al-Ijmaʿ schreibt Ibn Taymiyya: 

وأعجب من ذلك حكايته الإجماع على كفر من نازع أنه سبحانه » لم يزل وحده، ولا شيء غيره معه، ثم خلق الأشياء كما شاء «. ومعلوم أن هذه العبارة ليست في كتاب الله، ولا تنسب إلى رسول الله صلى الله عليه وسلم، بل الذي في » الصحيح » عنه حديث عمران بن حصين رضي الله عنه عن النبي صلى الله عليه وسلم: » كان الله ولا شيء قبله»… وروي هذا الحديث في البخاري بثلاثة ألفاظ: روي: (كان الله ولا شيء قبله) وروي: (ولا شيء غيره) وروي: (ولا شيء معه) والقصة واحدة…

„Noch erstaunlicher ist, dass er [Ibn Hazm] einen Konsens über die Ungläubigkeit dessen überliefert, der bestreitet, dass Allah, gepriesen sei Er, von Ewigkeit her allein war und nichts außer Ihm existierte und dass Er dann alle Dinge erschuf, wie Er wollte. Es ist bekannt, dass diese Formulierung weder im Buch Allahs noch in den Worten des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, vorkommt. Vielmehr findet sich im Sahih von ihm [dem Propheten] der Hadith von ʿImran ibn Husain, möge Allah mit ihm zufrieden sein, vom Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken: ‚Allah war, und nichts war vor Ihm.‘ Dieser Hadith wird im Sahih al-Bukhari in drei unterschiedlichen Wortlauten überliefert: ‚Allah war, und nichts war vor Ihm‘, ‚Allah war, und nichts war außer Ihm‘, und ‚Allah war, und nichts war mit Ihm.‘ Die Erzählung ist jedoch ein und dieselbe.“ (Naqd Maratib al-Ijmaʿ, Ibn Taymiyya).

Analyse und Kontext:

1. Ibn Hazms Standpunkt: 

Ibn Hazm behauptet einen Konsens darüber, dass Allah von Ewigkeit her allein war und nichts außer Ihm existierte. Diese Aussage basiert auf dem Hadith von al-Bukhari und wird als Grundlage eines zentralen Glaubenssatzes verstanden.

2. Ibn Taymiyyas Einwand:

Ibn Taymiyya hinterfragt die Präzision von Ibn Hazms Formulierung und betont, dass der Wortlaut „Allah war, und nichts war außer Ihm“ nicht exakt im Koran oder in der Sunnah zu finden ist, sondern eine Interpretation des überlieferten Hadith ist.

3. Die drei Varianten des Hadiths:

Der Hadith von ʿImran ibn Husain wird in drei verschiedenen Varianten überliefert:

• „Allah war, und nichts war vor Ihm.“

• „Allah war, und nichts war außer Ihm.“

• „Allah war, und nichts war mit Ihm.“

Obwohl die Formulierungen variieren, bleibt der zentrale Inhalt derselbe: Allah existierte von Ewigkeit her allein.

Ibn Taymiyyah erklärt seine Position, warum der Ausdruck „und es war nichts vor Ihm“ vorzuziehen sei, und fährt dann fort:

فهذا اللفظ ليس في كتاب الله، وهذا الحديث لو كان نصا فيما ذكر فليس هو متواترا…فكيف ومقصود الحديث غير ما ذكر، ولا نعرف في هذه العبارة عن الصحابة والتابعين وأئمة المسلمين، فكيف يدعى فيها إجماع ويدعى الإجماع على كفر من خالف ذلك

„Dieser Hadith, selbst wenn er ein eindeutiger Text zu dem genannten Punkt wäre, ist nicht mutawatir. Umso mehr, da dieser Hadith etwas anderes meint als das, was erwähnt wurde. Wir kennen diesen Ausdruck weder von den Gefährten noch von den Tabiʿin oder den Imamen der Muslime. Wie kann also ein Konsens (Ijmaʿ) über diese Frage behauptet werden, und wie kann behauptet werden, dass jemand, der in dieser Frage widerspricht, des Unglaubens bezichtigt wird…“.

Was die Texte aus Koran und Sunna betrifft, die auf das hinweisen, was Ibn Hazm erwähnt, so ist es nicht das Ziel dieser Arbeit, Argumente zu präsentieren. Doch hinsichtlich der Frage, ob ein solcher Ausdruck von den Imamen des Islams überliefert wurde, werden wir dies im Folgenden untersuchen. 

2. Imam Abu Hanifa (80–150 n. H.)

Imam Abu Hanifa sagt in seinem Werk al-Fiqh al-Akbar: 

وقد كان الله تعالى خالقا في الأزل ولم يخلق الخلق.

 „…Und Allah war Schöpfer in der Ewigkeit, noch bevor Er die Schöpfung erschuf.“

Der Gelehrte ʿAli al-Qari (gest. 1014 n. H.) kommentiert diese Aussage wie folgt:

والمعنى أن الحق كان خالقا قبل خلق الخلق… والحاصل أنه سبحانه كما قال الطحاوي رحمه الله ليس منذ خلق الخلق استفاد اسم الخالق ولا بإحداثه البرية استفاد اسم الباري.

 „Das bedeutet, dass al-Haqq Schöpfer war, bevor Er die Schöpfung erschuf… Zusammengefasst ist es, wie at-Tahawi, möge Allah ihm barmherzig sein, sagte: ‚Nicht nach der Erschaffung der Schöpfung erlangte Er den Namen al-Khaliq (Schöpfer), und nicht durch die Erschaffung der Schöpfung erlangte Er den Namen al-Bari (Gestalter).‘“

3. Imam Abu Jaʿfar at-Tahawi (239–321 n. H.), 

In seinem bekannten Werk über die Glaubenslehre schreibt der Imam:

ما زال بصفاته قديما قبل خلقه لم يزدد بكونهم شيئا لم يكن قبلهم من صفته… ليس منذ خلق الخلق استفاد اسم الخالق ولا بإحداثه البرية استفاد اسم الباري.

 „Er war immer ewig mit Seinen Attributen, noch bevor die Schöpfung existierte. Und durch die Existenz der Schöpfung erlangte Er nichts Neues von Seinen Attributen… Nicht durch die Erschaffung der Schöpfung erlangte Er den Namen al-Khaliq (Schöpfer), und nicht durch die Erschaffung der Schöpfung erlangte Er den Namen al-Bari (Gestalter).“

Weiter fügt er hinzu: 

وكما أنه محي الموتى بعدما أحيا استحق هذا الاسم قبل إحيائهم كذلك استحق اسم الخالق قبل إنشائهم.

„Und so wie Er der Erwecker der Toten ist, nachdem Er sie erweckt hat, so stand Ihm dieser Name auch schon zu, bevor Er sie erweckte. Ebenso stand Ihm der Name al-Khaliq (Schöpfer) schon zu, bevor Er die Schöpfung erschuf.“

4. Imam Yazid ibn Harun (118–206 n. H.)

Imam at-Tirmidhi, möge Allah ihm barmherzig sein, überliefert in seinen Sunan einen Hadith, in dem der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gefragt wurde: „O Gesandter Allahs, wo war unser Herr, bevor Er Seine Schöpfung erschuf?“ Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) antwortete: „Er war in al-ʿAma.“

Anschließend gibt Imam at-Tirmidhi die Erklärung von Yazid ibn Harun zu dem Begriff al-ʿAma:  

العماء: أي ليس معه شيء.

„Al-ʿAma bedeutet: Es war nichts mit Ihm.“

5. Imam Abu ʿUbaid al-Qasim ibn Sallam (157–224 n. H.)

Imam al-Bukhari, möge Allah ihm barmherzig sein, überliefert die folgenden Worte von Abu ʿUbaid al-Qasim:

أما قوله: {وخلق كل شيء} [الفرقان: ٢]، فهو كما قال، وقال في آية أخرى: {إنما قولنا لشيء إذا أردناه أن نقول له كن فيكون} [النحل: ٤٠]، فأخبر أن أول خلق خلقه بقوله، وأول خلق هو من الشيء الذي يقال: {وخلق كل شيء} [الفرقان: ٢]، فأخبر أن كلامه قبل الخلق

„Was Seine Worte betrifft: ‚Und Er erschuf jede Sache‘ (Al-Furqan: 2), so ist es, wie gesagt wurde. Und in einem anderen Vers heißt es: ‚Wenn Wir etwas wollen, so sprechen Wir nur: „Sei!“ – und es ist‘ (An-Nahl: 40). Damit wird gesagt, dass die erste Schöpfung, die Er erschuf, zu den Dingen gehört, über die gesagt wurde: ‚Und Er erschuf jede Sache‘. Und es wird mitgeteilt, dass Seine Rede vor der Schöpfung war.“

6. Imam Abu Ja’far Luwain Muhammad ibn Sulaiman al-Asadi (gest. 245 oder 246 n. H.)

In al-Ibanah von Ibn Batta wird Im Kommentar zu den Worten von Ibn ʿAbbas, möge Allah mit beiden zufrieden sein, erwähnt: 

فأخبر ابن عباس أن أول ما خلق الله القلم وقال الله تعالى {إنما قولنا لشيء إذا أردناه أن نقول له كن فيكون} [النحل: ٤٠] فإنما خلق القلم ب {كن}، وكلامه قبل الخلق

„Wahrlich, das Erste, was Allah erschuf, war der Stift (al-Qalam)“, sagte Luwain: „Ibn ʿAbbas teilte mit, dass das Erste, was Allah erschuf, der Stift war. Und Allah, der Erhabene, sagte: ‚Wenn Wir etwas wollen, so sprechen Wir nur: „Sei!“ – und es ist‘ (An-Nahl: 40). Und wahrlich, Er erschuf den Stift mit dem Wort ‚Sei!‘, und Seine Rede war vor der Schöpfung.“

7. Imam Muhammad ibn Ismaʿil al-Bukhari (194–256 n. H.)

Imam al-Bukhari brachte in seinem Werk über die Erschaffung der Taten der Menschen ähnliche Argumente vor. Dabei zitierte er die oben genannten Worte von Abu ʿUbaid al-Qasim in Form eines Beweises: „Und damit teilte Er mit, dass die erste Schöpfung, die Er erschuf, zu den Dingen gehört, über die gesagt wurde: ‚Und Er erschuf jede Sache.‘ Und damit teilte Er mit, dass Seine Rede vor der Schöpfung existierte.“

Er sagte außerdem:

فالقراءة لا تكون إلا من الناس، وقد تكلم الله بالقرآن من قبل وكلامه قبل خلقه.

 „Das Rezitieren kommt nur von den Menschen, aber Allah sprach den Quran davor, und Seine Rede existierte vor Seiner Schöpfung.“

Al-Bukhari widmete einem Abschnitt seines Sahih den Titel „Das Buch der Beginn der Schöpfung“ (Kitab Badʾi al-Khalq). In diesem Kapitel zitierte er unter anderem den Hadith von ʿImran ibn Husain, in dem es heißt:

كان الله ولم يكن شيء غيره.

 „Allah war, und es gab nichts außer Ihm.“

8. Imam Ibn Jarir at-Tabari (224–310 n. H.),

Imam Ibn Jarir at-Tabari (verst. 310 n.H.) sagte in seinem Tafsīr:

‎هو الأول قبل كل شيء بغير حد، والآخر بعد كل شيء بغير نهاية، وإنما قيل ذلك كذلك، لأنه كان ولا شيء موجودًا سواه، وهو كائن بعد فناء الأشياء كلها، كما قال جل ثناؤه كُلُّ شَيْءٍ هَالِكٌ إِلَّا وَجْهَهُ

“Er ist al-Awwal vor allem, ohne eine ḥadd (Grenze), und al-Akhir nach allem, ohne ein Ende. Und dieses wurde nur als solches gesagt, weil Er existierte, als nichts anderes als Er existierte und Er wird (weiterhin) existieren nachdem alles vergangen ist wie Allah sagte: Alles wird vergehen außer seinem Wadjh.“

9. Imam Abu ʿAbdillah Muhammad ibn Mandah (310 oder 311–395 n. H.)

In seinem Werk At-Tawhid schrieb er:

ذكر ما يدل على أن الله قدر مقادير كل شيء قبل خلق الخلق قال الله تعالى: {إنا كل شيء خلقناه بقدر} [القمر: ٤٩] الآية

„Erwähnung dessen, was darauf hinweist, dass Allah die Bestimmungen jeder Sache vor der Schöpfung festlegte. Allah, der Erhabene, sagte: ‚Wahrlich, Wir haben alles nach Maß erschaffen.‘ (al-Qamar, 49).“

10. Imam al-Qadi Abu Bakr al-Baqillani (gest. 403 n. H.)

In seinem Werk at-Tamhid widmete er mehrere Kapitel der Frage nach dem Anfang der Schöpfung entsprechend der Methodologie der Mutakallimun (islamische Theologen).

11. Imam Abu al-Qasim Hibatu Allah al-Lalakaʾi (gest. 418 n. H.)

In seinem Werk Sharh Usul Iʿtiqad Ahl as-Sunna wa al-Jamaʿah sagte er:

قلت: فأخبر أن أول الخلق القلم، والكلام قبل القلم، وإنما جرى القلم بكلام الله الذي قبل الخلق إذا كان القلم أول الخلق

„Ich sage: Damit wurde klargestellt, dass die erste Schöpfung der Stift (al-Qalam) war, und die Rede (Allahs) vor dem Stift existierte. Und der Stift schrieb nur durch die Rede Allahs, die vor der Schöpfung existierte, da der Stift die erste Schöpfung war.“

12. Imam Abu Nasr ʿUbayd Allah as-Sijzi (gest. 444 n. H.)

In einer seiner Abhandlungen schrieb er: 

وليس في قولنا: إنّ الله سبحانه فوق العرش تحديد وإنما التحديد

يقع للمحدثات… والله سبحانه فوق ذلك بحيث لا مكان ولا حد، لاتفاقنا أن الله سبحانه كان ولا مكان، ثم خلق المكان وهو كما كان قبل خلق المكان

„In unseren Worten, dass Allah, gepriesen sei Er, über dem Thron ist, liegt keine Begrenzung. Begrenzung gilt nur für Geschöpfe… Allah, gepriesen sei Er, ist über all dem, ohne Ort und ohne Begrenzung, entsprechend unserem Konsens, dass Allah, gepriesen sei Er, existierte, als es noch keinen Ort gab. Dann erschuf Er den Ort, und Er bleibt so, wie Er war, bevor Er den Ort erschuf.“

13. Imam ʿAli ibn az-Zaghuni al-Hanbali (455–527 n. H.)

In seinem Werk al-Idah fi Usul ad-Din sagt er:

وقد ثبت بالبراهين القاطعة أنه سابق للعالم ومتقدم على الكون الكلي.

„…Es wurde durch eindeutige Beweise bestätigt, dass Er vor der Welt existierte und dem gesamten Dasein vorausging.“

In demselben Buch widmete er ein eigenes Kapitel, in dem er das Entstehen der Welt gemäß der Methodologie der Mutakallimun (islamische Theologen) begründet.

14. Imam Abu al-Qasim Ismail al-Asbahani (457–535 n. H.)

In seinem Werk al-Hujja fi Bayan al-Mahajjah zitiert er die Worte der Gelehrten zustimmend und sagt:

قال العلماء: إذا كان أول الخلق القلم فالكلام قبل القلم، وإنما جرى القلم بكلام الله الذي قبل الخلق

„Die Gelehrten sagten: ‚Wenn das erste Geschöpf der Stift (al-Qalam) war, dann existierte die Rede vor dem Stift. Denn der Stift schrieb die Rede Allahs nieder, die vor der Schöpfung existierte.‘“

Zum Abschluss zitiert er in demselben Werk die folgende Aussage, die als endgültige Schlussfolgerung in dieser Angelegenheit dienen soll:

ومذهب أهل السنة، والمقتدين بالسلف أن الله تعالى كان ولا شيء معه

„Die Meinung der Ahl as-Sunna und derjenigen, die den Salaf folgen, ist, dass Allah, der Erhabene, war, und nichts war mit Ihm.“

Schlussfolgerung

Der von Ibn Hazm berichtete Konsens (Ijmaʿ) stimmt mit den Ansichten zahlreicher früher Gelehrter überein, obwohl Ibn Taymiyyah kritische Fragen zur genauen Formulierung und ihrer Zuordnung zum Koran und zur Sunnah aufwirft. Somit zeigt sich dass Ibn Taymiyyah in dieser Angelegenheit im Irrtum liegt.



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