Frage: Die göttliche Essenz ist anfanglos (Qadim) und die notwendige Existenz. Jedoch wird im edlen Qur’an erwähnt: “Jeden Tag befasst Er sich mit einer Angelegenheit” (55:29). Dies (scheint) zu implizieren, dass die göttliche Essenz nicht anfangslos ist, da neue Angelegenheiten die Entstehung innerhalb der Zeit implizieren (ḥudūth). (Die Entstehung von Dingen innerhalb der göttlichen Essenz impliziert, dass die göttliche Essenz selbst entstanden ist.) Das vergehen und die Entstehung in der Zeit sind für das göttliche Wesen nicht möglich, denn so etwas wäre Unglaube. Daher verstehe ich nicht, wie im Anfangslosen Wesen neue Angelegenheiten entstehen können.
Antwort: Alle Eigenschaften von Allāh sind existent in seiner Essenz und sie sind anfanglos und endlos. Keine Eigenschaft von Ihm hört jemals auf zu existieren. Die Existenz jeder Eigenschaften ist ewig und endlos. In Bezug auf ihr ẓuḥūr (Manifestation) tauchen jedoch in jedem Moment neue Angelegenheiten auf. Die Existenz der Eigenschaften ist eine Sache, und ihre Manifestation ist eine andere.
Zum Beispiel kann eine wohlhabende Person Tausende von Banknoten in der Tasche haben, die vor den Augen verborgen bleiben. Diese Banknoten existieren, sind aber nicht manifestiert. Wenn er sie aus seiner Tasche nimmt, manifestieren sie sich, obwohl ihre Existenz schon vorher da war. Daher existiert jede Eigenschaft von Allah, erhaben ist Er in seiner Essenz, jedoch ihre Manifestationen geschehen in jeder Zeit und in jedem Moment. Die Manifestation impliziert jedoch nicht, dass die Eigenschaft in der anfanglosigkeit nicht existierte.
Ḥāfiẓ Abū Nu‘aym al-Aṣfahānī überliefert:
حَدَّثَنَا إِسْحَاقُ (بن أحمد بن علي الأصبهاني)، ثنا إِبْرَاهِيمُ (بن يوسف الهسنجاني)، ثنا أَحْمَدُ (بن أبى الحواري)، قَالَ:…وَسَمِعْتُ أَبَا سُلَيْمَانَ (الداراني)، يَقُولُ فِي قَوْلِهِ تَعَالَى: {كُلَّ يَوْمٍ هُوَ فِي شَأْنٍ}، قَالَ: «لَيْسَ مِنَ اللَّهِ شَيْءٌ يَحْدُثُ إِنَّمَا هُوَ فِي تَنْفِيذِ مَا قَدَّرَ أَنْ يَكُونَ فِي ذَاكَ الْيَوْمِ» (حلية الأولياء، ج٩ ص٢٧٣)
Imām Abū Sulaymān al-Dārānī (ca. 140 – 205 n.H.) sagte über den Vers “Jeden Tag befasst Er sich mit einer Angelegenheit”:
“Es gibt nichts in Allah, dass erschaffen (yaḥduṯu) ist. Dieser Vers bezieht sich darauf, dass Allāh das ausführt, was er für diesen Tag bestimmt hatte.”
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die „neuen Angelegenheiten“ keine neuen Dinge innerhalb der göttlichen Essenz sind, sondern vielmehr neue Manifestationen seiner ewigen Eigenschaften und Bestimmungen in der Welt. Zum Beispiel ist jeder Moment, in dem die Schöpfung weiter existiert, eine Manifestation von Allāhs ewiger Macht. Die göttliche Macht selbst ist ewig, aber ihre Manifestationen treten in der Zeit auf. In ähnlicher Weise sagt Allāh: „Schau doch auf die Spuren von Allahs Barmherzigkeit, wie Er die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig macht.“ (Qur’ān, 30:50). Während also die göttliche Eigenschaft der Barmherzigkeit ewig ist, treten seine Manifestationen oder Spuren, wie Regen, in der Zeit auf.
Der Vers bedeutet also nicht, dass Allāhs Essenz selbst neue Angelegenheiten durchläuft, sondern dass die Manifestationen und Auswirkungen seiner Eigenschaften dies tun.